Art des Artikels
Initiativen im Porträt
Autor
Leonie

Das ist das Haus des Engagements

Zusammenfassung

Magdalena Langer erzählt über ihre Arbeit im Haus des Engagements.

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Freiburg, 06.April 2020

Wie bist du zum HdE gekommen und was ist dort deine Aufgabe?

Ich war damals gar nicht in Freiburg. Ich habe erfahren, dass es die Initiative für ein Haus des Engagements gab und fand die Idee super, ein Haus zu haben, in dem sich alle NGOs vernetzen können und voneinander lernen. Das war noch zur Zeit der Kampagne für die Basler Straße 2 [Das Haus des Engagement hatte sich ursprünglich für die Basler Straße 2 beworben. Der Gemeinderat entschied sich damals, dass das Studierendenwerk das Gebäude bekommen sollte. Anm. der Redaktion]. Die Kampagne war zu dem Zeitpunkt in den letzten Zügen. In der Zeit habe ich mich der Gruppe angeschlossen. Schließlich hat sich der Gemeinderat dagegen entschieden, aber ich bin dem trotzdem immer verbunden geblieben. Ich hab zu der Zeit als Klimaschutzmanagerin in einem anderen Landkreis gearbeitet.

Als wir dann diesen Ort in der Rehlingstr 9 gefunden haben ist meine Stelle als Klimaschutzmanagerin ausgelaufen. Dadurch konnte ich mich dann mehr einbringen. Es hat sich ergeben, dass wir eine Förderung bekommen haben und dadurch eine kleine Koordinationsstelle möglich ist. Meine Aufgaben sind sehr sehr breit. Ich mache alles mögliche von Buchhaltungsaufgaben über Öffentlichkeitsarbeit, Freiwilligenkoordination von unserem Team, Raumverwaltung, Community Management mit den CoworkerInnen und Nutzergruppen vor Ort, Vertragsgestaltung und Veranstaltungsmanagement. Wir machen auch Fortbildungen, Vorträge und Beratung. Das muss organisiert und evaluiert und weiterentwickelt werden. Wir haben das Glück, dass wir einen Organisationsentwickler bei uns angedockt haben, der im HdE coworkt und uns berät. Das ist super, bei dem Visions-Ziel-Prozess und Teamprozess begleitet zu werden.

Wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus?

Ich komme morgens ins HdE und als erstes schaue ich in die Räume. Abends sind immer die Nutzergruppen drin und ich sorge dafür, dass alles wieder so vorhanden ist, dass der Raum von den nächsten genutzt werden kann. Dann kommen die ersten Coworker*innen. Je nach Wochentag finden verschiedene Sachen statt. Es gibt Austauschformate, wo wir mit den Coworker*innen über die aktuellen Projekte sprechen und in Erfahrungsaustausch kommen. Ansonsten mache ich, was gerade so anfällt. Gerade ist es ganz anders, weil ich im Homeoffice bin durch Corona, aber an einem normalen Tag kommen viele Raumanfragen und spontan auch Besucher*innen rein. Die Leute brauchen dann die Info, wie sie die Räume nutzen können. Dann kümmere ich mich natürlich auch um Finanzierung. Es gibt öfter Deadlines, zu denen wir Anträge abgeben müssen. Wir haben im Team ein paar Leute, die regelmäßig in der Woche auch zu mir kommen und mit mir gemeinsam daran arbeiten. Wir arbeiten an der Buchhaltung oder an Evaluationen. Wir erstellen Portfolios und machen Öffentlichkeitsarbeit. Wir bündeln Informationen von Kommunen und Stiftungen und generell darüber was im HdE gerade los ist für Coworker*innen und Nutzergruppen. Jeder Tag ist anders.

Was ist deine persönliche Motivation für das, was du tust?

Ich glaub es sind tatsächlich die Leute, die da vor Ort sind, und die Idee. Wir haben richtig spannende Organisationen und Personen, die im HdE coworken und sich treffen. Es motiviert mich mitzukriegen, was bei denen gerade los ist und die Aktiven zu vernetzen. Es macht mir Spaß, eine gewisse Bündelungsposition einzunehmen.

Ich umgebe mich gerne mit Leuten, die so intrinsisch motiviert sind und für eine Sache arbeiten, die sie begeistert. Diese gewisse Energie mag ich gerne. Gerade das ganz Persönliche motiviert mich sehr. Darüber hinaus finde ich es sehr wichtig, im Sinne der Nachhaltigkeit eine Bewegung zu schaffen und zivilgesellschaftliches Engagement wirksamer zu machen. Diese Aufgabe ist sehr wichtig, damit wir auf lange Sicht auf dem Planeten leben können und dass wir - alle Menschen über Deutschland und Europa hinaus - uns um die Welt kümmern und sie positiv gestalten.

Du hast also sowohl die persönliche Motivation, dass du gern mit engagierten Menschen zusammenarbeitest, und zum anderen auch so eine politische Motivation.

Ja genau. Mir ist wichtig, in einem Bereich zu arbeiten, der für mich Sinn ergibt. Und ich denke es ist wichtig, Scharnierfunktionen zu bilden, damit Organisationen wirksamer sein können und gut mit einander zusammenarbeiten können. Für mich spielen das Politische und das Persönliche total zusammen. Es muss ermöglicht werden, dass Menschen wachsen können und gesehen werden und dann tatsächlich so zusammenarbeiten können, dass wir gemeinsam etwas erreichen. Gleichzeitig bin ich voll der Überzeugung, dass wir in jedem Moment die Haltung einnehmen und danach handeln, die wir auch als Vision für unsere Gesellschaft haben. Das bedeutet, dass wir diese Vision in jedem Moment schon leben. Was im zivilgesellschaftlichen Engagement oft passiert, ist dass Leute sich überarbeiten oder in Konflikte darüber geraten, wie man was machen soll. Oder es passiert, dass sich Menschen einfach zu viel aufbürden. Wir müssen da wirklich auf uns achten.

Du meinst, es passiert oft, dass man nicht so nachhaltig mit sich selbst umgeht?

Genau. Sowohl mit sich selber, aber auch vielleicht mit den anderen. Ich meine, dass Gruppen sich manchmal gegenseitig im Weg stehen, weil man sich uneinig ist, wie man vorgehen soll. Man sollte sich immer wieder auf seinen gemeinsamen Grund, seine gemeinsame Vision besinnen.

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Menschen sitzen am Tisch im Haus des Engagement
Besprechung im Haus des Engagements (Foto Mirabell Eckert)

 

Wenn jemand aktiv etwas für den nachhaltigen Wandel tun möchte, was würdest du der Person raten?

Erstmal sollte man sich fragen, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und in welchem Bereich man Lust hat, etwas zu machen. Welches Thema treibt mich am meisten um, aber dann auch welche Fähigkeiten habe ich und welche Talente? Und dann gibt es richtig viele Gruppen, die schon an etwas dran sind. Ich neige eher nicht dazu, ganz neue Sachen zu starten, sondern sich irgendwo anzuschließen und bestehende Gruppen zu stärken. Es gibt eine riesige Bandbreite an Organisationen in Freiburg, wo man sich einbringen kann. Dazu kann man sich bei der Mitmachbörse der Freiwilligenagentur, bei den StadtWandlern oder beim Haus des Engagement informieren, um einen einen Überblick zu kriegen von dem was es gibt. Dann kann man einfach mal ein bisschen ausprobieren und kennen lernen und immer wieder auf sich und die eigene Motivation schauen. Dabei ist es wichtig, nachhaltig mit sich selbst umgehen.

Hattest du in den letzten Wochen und Monaten einen besonders schönen Moment im HdE, vielleicht auch zu diesem Thema, an den du dich erinnerst?

Ja viele. Mich freut es, wenn Menschen über ihre Organisation hinaus denken und für andere da sind, wenn sie Hilfe brauchen. Es freut mich, wenn Menschen bereit sind, Gelerntes, Erfahrung und Ressourcen mit anderen zu teilen. Ich finde da passiert richtig viel. Wir haben Gruppen im HdE, die in bestimmten Bereichen richtig gut sind, wovon andere profitieren können. Ich finde es auch richtig schön, wenn Leute manchmal einfach im HdE vorbei kommen und sich umschauen, weil sie gerade davon gelesen haben, und durch ihren Besuch inspiriert werden und Lust haben irgendwo mitzumachen. Sie werden aktiviert, sich zu engagieren.

Welche Schwierigkeiten stellen sich dir bei der Arbeit? Hinterfragst du manchmal, was du tust?

Was natürlich schon immer ein schwieriger Punkt ist, sind finanzielle Fragen. Das ist etwas, das nicht von selbst läuft. Das Geld ist in der Gesellschaft ist nicht unbedingt so verteilt, dass es in diesem Bereich sehr viel Geld gibt. Ja und dieses sich selber hinterfragen findet eigentlich ziemlich häufig statt. Ist das jetzt eigentlich der Weg, mit dem wir am effektivsten und am effizientesten was erreichen? Ich glaub es ist auch ein wichtiger Prozess. Ich kann bestimmt nicht in jedem Moment sagen, dass das jetzt genau der eine richtige Weg ist. Aber ich glaube, darauf gibt es keine Antwort. Es ist immer eine Suche und eine Neuausrichtung und ein Hinterfragen.

Und wie gehst du mit solchen Momenten um? Wie motivierst du dich weiter zu machen?

Ich motiviere mich, indem ich mit Menschen ins Gespräch zu gehe und Feedback einhole. Ich besinne mich darauf, dass man eben ein Puzzleteil unter vielen ist und dass es ganz viele andere Leute gibt, die an anderen Schrauben dran sind. Und dann motiviert es mich natürlich auch, wenn positives Feedback kommt.

Nochmal zurück zum HdE. Wie würdest du die Rolle des HdE in Freiburg beschreiben?

Ich glaub, dass es vor allem gerade jüngere Leute anspricht. Es gibt ja schon länger den Treffpunkt Freiburg, die Freiwilligenagentur. Ich glaub das HdE ist nochmal jünger und ein bisschen politischer, was ich auch wichtig finde. Ich finde es erfüllt bestimmte Rollen, nämlich dass Menschen einen Ort haben, wo sie hingehen können, wenn sie sich engagieren wollen. Das HdE erfüllt im Prinzip grundlegende Bedürfnisse für Initiativen wie Fridays for Future oder Omas gegen Rechts: einen unkommerziellen Raum mit Beamer und einer Internetverbindung, wo man sich treffen kann. Das HdE ist ein Raum, in dem wir nicht per se aussieben, wen wir gut finden und wen wir nicht so gut finden.

Stattdessen sorgen wir dafür, dass ein Dialog stattfinden kann und Menschen voneinander lernen können. Sozialen, kulturelle und ökologisch orientierte Gruppen können viel voneinander lernen. Für eine gesellschaftliche Veränderung braucht es zum einen das individuelle Empowerment, aber auch das gemeinsame zivilgesellschaftliche Engagement.

Oft wird die Verantwortung von Nachhaltigkeit stark individualisiert und ist auf den Lebensstil und das individuelle Verhalten fokussiert. Aber wir sollten die politische Dimension und die Strukturen, die wir verändern müssen, auch ganz stark im Blick haben. Ich hoffe, dass das HdE in der Richtung auch eine Rolle spielen kann, darauf hinzuwirken oder darauf aufmerksam zu machen.

Hast du da eine Vision für die Zukunft, wo es mit dem HdE hingehen soll?

Also ich wünsch mir, dass es einen Ort bekommt, der in sich auch schon sehr inspirierend ist. [Der Mietvertrag für die Rehlingstraße endet im August 2021] Ich wünsche mir einen Visionsort, einen Zukunftsort. Zum Beispiel stell ich mir einen Strohballen-Lehm-Holz-Bau vor, der offen ist und zentral liegt, sodass die Menschen hinein stolpern wollen. Ein Ort, der einladend ist und in dem viel passieren kann, wie gemeinsames Gärtnern, Verleih, noch mehr Möglichkeiten für die Vernetzungs- und Bündnisarbeit und Qualifierungsmöglichkeiten für Menschen, um gut und motiviert zusammenarbeiten zu können. Eine Vision ist auch, dass tatsächlich der Grund und Boden für das Engagement gesichert ist, also dass man da in keiner Abhängigkeit ist. Die Unabhängigkeit ist uns wichtig, sowohl die politische als auch die räumliche.

Und kannst du nochmal kurz sagen, warum du dir ein nachhaltiges Gebäude vorstellst?

Die ökologische Komponente ist uns grundsätzlich sehr wichtig. Das können wir im Moment gar nicht beeinflussen. Wir glauben, dass die Art wie wir Gebäude bauen und die ganze Stadtplanung gerade nicht so läuft, wie wir uns das wünschen würden. Im Moment wird vor allem darauf Acht gegeben, wie effizient Gebäude im Betrieb sind, aber die Baumaterialien werden nicht in Betracht gezogen.

Dabei sind die Baumaterialien nicht nur klimarelevant, sondern für den gesamten ökologischen Fußabdruck. Wir würden uns wünschen, dass auf regionale Materialien geachtet wird, die nicht dann am Ende ihres Lebens im Sondermüll landen, sondern die man auf den Kompost oder aufs Feld bringen kann und man so einen Kreislauf bilden kann.

Dafür sind Holz, Lehm und Stroh super Materialien. Wir wollen Menschen dazu inspirieren. Es braucht Vorbilder, die zeigen, dass es möglich ist. Und das will das HdE sein.

Und was braucht ihr dafür, um eure Vision umzusetzen?

Wir brauchen den Platz, was in Freiburg natürlich schwierig ist. Ich war letztens in Tuttlingen. Dort soll auch sowas wie ein HdE aufgebaut werden. Dort ist Platz überhaupt kein Problem. Es gibt dort richtig viele leerstehende Häuser, aber dafür viel weniger junge Engagierte als in Freiburg. Das ist eben regional verschieden. Es stellt sich dann auch die Frage, inwiefern man in Freiburg das Geld für den Platz aufbringen kann. Und es ist wichtig, dass es nicht dazu führt: bezahlbarer Wohnraum versus HdE. Stattdessen will man eine Bündelungsfunktion für einen oder mehrere Stadtteilen bringen. Wir können uns das auch noch dezentraler vorstellen. Es ist auch die Idee einer Online Plattform aus dem HdE heraus entstanden, die es möglich macht, dezentral Räume noch effizienter zu nutzen. Ich würde mir wünschen, dass wir das in Zukunft wieder mehr verfolgen können, dass zum Beispiel ein Cafe und Büroräume nach ihrer tagsüber Nutzung abends noch von Gruppen benutzt werden können. Das HdE ist nicht groß, wir haben bloß 3-4 Räume die benutzt werden können. Sie sind auch schon wieder voll und eigentlich bräuchten wir noch mehr Kapazitäten. Und ich finde die Arbeit von den Gruppen sollte nicht daran scheitern, dass sie viel Aufwand haben erst überhaupt Räume zu finden.

Ihr habt also derzeit mehr Nachfrage nach Räumen, als ihr bedienen könnt?

Zum großen Teil. Es gibt natürlich auch bestimmte Tage, die sich besser eignen als andere. Freitagabend ist nicht der Zeitraum, in dem sich alle um die Räume streiten (lacht). Aber für die beliebten Tage Montag bis Donnerstag haben wir meist mehr Nachfrage als wir bedienen können. Das bezieht sich vor allem auch auf die Größe der Räume. Viele Gruppen sind recht groß. Es entsteht zum Beispiel ein Bündnis an Klimagruppen, das aus 30-40 Leuten besteht. Für die ist es sonst schwierig, einen großen Raum zu finden und dafür ist unser multifunktionaler CoWorking Space natürlich ziemlich praktisch.

 

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Menschen sitzen an einem Besprechungstisch im Haus des Engagements
In den Räumen des HdE (Foto Gerardo Gazmuri)

 

 

Fotos von Seyeon Jeong, Mirabell Eckert und Gerardo Gazmuri.

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