Art des Artikels
Unternehmen im Porträt
Autor
Leonie

"In der Öko-Hauptstadt ist noch Luft nach oben" - Dino vom Öko-Textil Outlet "Suslet"

Zusammenfassung

Es gibt in Freiburg zahlreiche Beispiele für Nachhaltiges Unternehmertum, eines davon ist das Sustainable Outlet, kurz Suslet, in der Fischerau. Leonie von der StadtWandler-Redaktion spricht mit Inhaber Dino Zanolli über nachhaltiges Wirtschaften, Öko-Klamotten und Lernen mit 80.

Haupt-Inhaltsfeld

Interview vom 03. April 2020

Was ist das Konzept des Outlets?

Dino: Suslet ist ein Outlet für faire und nachhaltige Produkte, hauptsächlich Textilien. Hier werden Produkte aus Vorkollektionen, Muster von Messen oder Rückläufe von Online Bestellungen verkauft. Wir bekommen die Kleider von über 30 Firmen, die nachhaltig und fair produzieren. Die Modemarken haben meistens keine Zeit, sich selbst um die genannten Produkte zu kümmern. Es ergibt für sie mehr Sinn, sie an uns zu schicken. Dabei legen die Labels selbst den Preis fest. Das ist eher ungewöhnlich, denn üblicherweise entscheidet der Händler über den Preis.

Wie hat das mit dem Laden bei dir angefangen?

In Augsburg sitzt die Mutterfirma Degree Clothing. Die beiden Unternehmer Fabian und Wolfgang sind Freunde von mir. Ich habe deren Konzept erlebt, da ich dort einen Coworking-Platz hatte. Ich habe zu den beiden gesagt: „Ihr müsst das Konzept auf jeden Fall in andere Städte bringen. Das ist super genial und das beste was ich bisher gesehen habe.“ Sie haben geantwortet, dass sie keine Zeit hätten und dass ich das doch machen solle. Ich komme selbst aus dem Einzelhandel. Daraufhin haben wir uns überlegt, in welcher Konstellation wir das machen.

Was ist deine Motivation?

Meine Motivation war schon immer, gute Produkte anzubieten. Ich habe 30 Jahre lang als Buchhändler gearbeitet und wollte etwas Neues machen. Über die Freunde in Augsburg bin ich zu Biotextilien gekommen, obwohl ich damit vorher nicht viel zu tun hatte, weil mir das auch einfach zu teuer war.

Als ich gesehen habe, dass Biomode durch das Augsburger Konzept zu erschwinglichen Preisen angeboten werden kann, fand ich das großartig. Man kann neue Käuferschichten erreichen, die sich das vorher noch nicht leisten konnten. Ich dachte: „Ja das ist eine geniale Aufgabe, das mache ich.“

Also hat das bei dir auch einen sozialen Gedanken.

Ja auch und natürlich einen Finanziellen. Ich muss auch Geld verdienen. Aber das Schöne ist: einerseits befreit man die Labels von ihren Altlasten, andererseits tut man Leuten etwas Gutes, die sich vorher keine Biomode leisten konnten.

Was bedeutet für dich nachhaltiges Wirtschaften?

Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet für mich, auf die Umwelt zu achten, sodass den nachfolgenden Generationen kein Schaden zuteil wird. Bei der Produktion heißt das zum Beispiel, Biofarben statt konventionellen Chemiefarben zu verwenden. Es bedeutet auch soziale Projekte zu unterstützen. Wir führen im Laden auch Produkte der Firma eyd. Das Unternehmen lässt seine Kleidungsstücke in Indien von Frauen in fertigen, die Opfer von Gewalt wurden. Diese Frauen haben eine Chance von der Straße zu kommen und festes Gehalt und faire Bezahlung zu erhalten.

Es geht aber nicht nur darum, nachhaltige Sachen anzubieten, sondern dass man das ganze Konzept auch nachhaltig und fair gestaltet. Da bleibt für den Unternehmer nicht mehr so viel übrig, aber dafür macht es viel mehr Spaß.

Was gefällt dir daran, einen Laden zu führen?

Ich bin in einem Laden groß geworden. Mein Vater war Geschäftsführer einer Buchhandlung und als Kinder verbrachten wir dort viel Zeit. Mein Traum war immer, einen eigenen Laden zu haben, eigentlich eine Buchhandlung, aber jetzt sind es faire und nachhaltige Bioprodukte. Das Schöne ist, dass du jeden Tag neue Leute triffst, die alle super nett sind. Von denen kauft fast jeder was und alle gehen erfreut aus dem Laden und erzählen es weiter. Das gibt unheimlich viel positives Feedback. Der persönliche Kontakt ist das, was mir am meisten Spaß macht.

Was glaubst du, was braucht man, um so einen Laden, wie du ihn hast, aufzubauen? Was muss man mitbringen?

Man sollte nicht auf die Uhr schauen. Selbstständigkeit heißt selbst und ständig. Unternehmerisches Denken ist von Vorteil und eine solide kaufmännische Ausbildung.

Gab es mal einen Punkt, an dem du an dem Projekt gezweifelt hast? Einen Moment, in dem es sehr schwierig war und du dachtest, vielleicht schmeiß ich auch alles hin?

Also zweifeln tut man natürlich schon. Das sollte man, auch um die Probleme zu sehen und im besten Fall zu beheben. Mit der rosaroten Brille herumlaufen ist zwar schön, bringt aber nicht so viel. Für mich gab es bisher - wir haben ja gerade mal 5 Monate aufgehabt – keinen Zeitpunkt zu dem ich dachte, dass ich den Laden zu machen will.

Ist mal so richtig was schiefgelaufen?

Nein. Wir hatten am Anfang natürlich mal ein paar Kinderkrankheiten. Das waren Lieferungen, die später gekommen sind als geplant, aber das sind so normale Sachen, die einfach passieren.

Kannst du mir von einer schönen Begegnung im Laden erzählen?

Schön ist, wenn ältere Herrschaften kommen, die mit „bio“ vorher gar nichts zu tun hatten, aber durch den Namen Outlet und durch den schönen Laden angezogen werden. Wenn sie dann wieder kommen, nachdem sie was gekauft haben, und erzählen, wie toll ihnen das auf der Haut liegt und wie groß der Unterschied ist, dann ist das richtig klasse. Da passiert im Alter von 70/80 Jahren nochmal eine Veränderung in ihrem Konsumverhalten.

Bild
Dinos Laden

Wenn du dir vorstellst, du trittst in 20 Jahren vor deine Haustür, was glaubst du wie sieht es in Freiburg aus? Was hat sich verändert?

Im besten Fall haben wir viele kleine Geschäfte in der Innenstadt. Es gibt mehr grün, keine Autos nur Fahrräder oder Fußgänger,. Das wäre mein Traum.

Was muss Freiburg tun, um dorthin zu kommen?

Die Verkehrspolitik sollte sich weiter auf ÖPNV und Fahrrad fixieren, weg vom Auto. Da gibt‘s schon ein paar gute Ansätze. Die Fußgängerzone sollte vergrößert werden. Ich glaube nicht, dass weniger Leute in die Städte kommen, nur weil sie mit dem Auto nicht direkt in den Laden fahren können. Man kann die Menschen schon erziehen, dass sie in den Parkhäusern parken, wenn sie denn unbedingt aus dem Umland mangels Alternativen mit dem Auto kommen müssen. Ich fände es cool, wenn man ohne Ticket in die Straßenbahn steigen könnte. Das könnte auch Motivation sein für viele Menschen, außerhalb zu parken und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren.

Wie ist deine Vision für deinen Laden? Wo soll es hingehen?

Der Laden ist ja schon sehr gut angelaufen. Von dem her bin ich da sehr zufrieden. Immer mehr Menschen bekommen mit, dass es den Laden gibt. Sobald Menschen an Bioprodukte denken, sollten sie zuerst an Suslet denken, das wäre schon ganz famos.

Was bräuchtest du als ökosozialer Entrepreneur? Wie könnte Freiburg dich unterstützen?

Man bräuchte irgendeine Plattform, auf der man sich als Konsument*in informieren kann, wo man öko-soziale Firmen und Initiativen finden kann.

Das habt ihr als StadtWandler ja schon zum Teil bzw. baut ihr noch weiter auf. Das finde ich ganz wichtig. Mundpropaganda ist für uns natürlich als kleiner Laden besonders wichtig, weil wir nicht das Geld haben, um jetzt groß Werbung zu machen. Ich würde mir wünschen, dass es von der Stadt einen Wegweiser für nachhaltige und faire Läden, Produzenten usw. gäbe. Ich merke, dass die Freiburger, die zu mir kommen, oft andere nachhaltige Läden wie Zündstoff oder Blickfang gar nicht kennen. Das wundert mich schon. Es ist schade, dass es der Stadt nicht gelungen ist, die Aufmerksamkeit auf die öko-soziale Wirtschaft zu richten. Da sehe ich noch einiges im Argen. Es gibt Bemühungen von der Stadt, zum Beispiel Nachhaltigkeitsrunden, wo etwas gemacht wird. Ich verstehe, dass man auch nicht nur für die nachhaltigen etwas tun kann und für die anderen nichts. Aber dadurch dass Freiburg eine der Öko-Hauptstädte ist, sollte sich die Stadt noch mehr auf diesen Teil der Wirtschaft konzentrieren.

Also da ist noch Luft nach oben?

Klar, wie überall. Das ist eine Frage nach den internen Kapazitäten, also wie die Stadt die Möglichkeit hat, Personal frei zu stellen oder anzustellen, um sich um solche Dinge zu kümmern.

Was kann ein einzelner Mensch verändern?

Oh, eine ganze Menge. Man kann viel verändern, indem man sein Umfeld informiert. Man kann Initiativen beitreten. Es gibt viele tolle Möglichkeiten und Ideen. 

Jeder kleine Schritt bringt etwas. Jeder kleine Schritt ist am Ende ein Großer.

Glaubst du können wir die Welt noch retten?

Wenn das jetzt so weiter geht, wie während der Corona-Krise, wo nichts groß produziert wird, wenig Autos herumfahren und keine Flugzeuge mehr fliegen, glaube ich das schon. Ich hoffe, dass wir die Chancen dieser Krise sehen, dass es eben auch anders geht. Dass wir nicht unbedingt an Ostern in die Karibik fliegen müssen, sondern, dass es daheim auch schön ist.

Ich glaube, wir können es schaffen.

Also siehst du Chancen in der Krise?

Ja, vor allem was das Zwischenmenschliche angeht. Auch wenn man sich momentan nicht sehen kann, habe ich den Eindruck, dass Bekanntschaften und Freundschaften mehr gepflegt werden als sonst. Man kümmert sich mehr umeinander. Das hat man vorher nicht gehabt, jedenfalls hab ich das vorher nicht so wahrgenommen. Die Entschleunigung tut allen mal ganz gut, weil wir alle nur noch den Social Media hinterherrennen und das Monetäre einen viel zu hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat. Ich hoffe, das wird sich ein bisschen ändern.

Wie wird sich die Krise deiner Meinung nach auf den Klima- und Umweltschutz auswirken?

Im Moment sieht man das ja schon deutlich. Die Ozonschicht scheint sich ein bisschen zu regenerieren. Klar, wenn die Industrie herunter gefahren wird und kein Tourismus stattfindet, dann ist das super für die Umwelt. Ich weiß nur nicht, ob wir daraus alle etwas lernen. Ich fände es toll, wenn wir unseren Konsum und unser Verhalten langfristig verändern. Es kann sein, dass nach der Krise alle direkt in den Urlaub fliegen wollen. Das hoffe ich nicht.  Man sieht ja gerade, dass wir uns verändern können. Das ist glaube ich das Wichtigste, was wir daraus lernen können.

Mit der Corona-Krise zeigt sich, wir als Gesellschaft können uns verändern. Ich hoffe, dass wir das auch danach weiter beherzigen.

 

---------------------------------------------------------------------------------

Remote video URL

Remote video URL

07