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Veröffentlicht am Freitag, 17. Juli 2020 von (bearbeiet: 17.07.20, 21:22)

"Die Blase platzte nicht"

Ein Kommentar zur Debatten-Arena Verkehr und Anregungen für künftige Debatten-Arenen.
Zusammenfassung

Leonie und Veronika von der StadtWandler-Redaktion waren bei der Debatten-Arena vor Ort. Leonie gibt im Gespräch mit Veronika eine kurze Einschätzung zum Prozess. Sie ist der Meinung, dass wir insbesondere zwei Dinge aus der Debatten-Arena lernen können.

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Veronika: Wie ist der Eindruck von der Debattenarena als Veranstaltungsformat?

Leonie: Grundsätzlich bin ich großer Fan der Idee, Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema an einen Tisch zu setzen. Für das Thema Verkehr hat sich das Format Debatten-Arena angeboten, da der Fuß- und Radentscheid in den öffentlichen Diskurs gerückt ist. Ich finde es gut, eine rege Debatten- und Streitkultur zu fördern, bei der die unterschiedlichsten Standpunkte aufkommen. Das hat meiner Meinung nach an dem Abend nicht geklappt.

Veronika: Inwiefern hat es nicht geklappt?

Leonie: Die Arena war sehr homogen. Sie bestand fast komplett aus Menschen, die sich für den Fuß- und Radentscheid ausgesprochen haben. Eine Umfrage zu Beginn der Veranstaltung zeigte, dass sich kaum Menschen in der Veranstaltungen befanden, die täglich Auto fahren. Es haben sich, wenn ich mich richtig erinnere, drei Menschen gemeldet. Das hat es schwierig bis unmöglich gemacht eine Diskussion zur Frage „Wem gehört die Straße?“ aufkommen zu lassen. Es waren ein paar Menschen von der Stadtverwaltung vor Ort, unter anderem Baubürgermeister Martin Haag, der ein Eingangsstatement gesprochen hat. Herr Haag konnte jedoch nicht lange bleiben und hat noch vor Beginn eines Dialogs die Veranstaltung verlassen. Stattdessen haben sich andere Mitarbeitende der Stadtverwaltung eingebracht. Das hat teilweise zu einer Debatte zwischen Aktivistis und "Pro-FR-Entscheid"-Menschen auf der einen Seite und Stadtverwaltung auf der anderen Seite geführt, was aber ja eigentlich nicht das Ziel der Debatten Arena war.

Veronika: Was war denn das Ziel und warum konnte das nicht erreicht werden?

Leonie: Das Ziel war, dass sich Freiburger Bürgerinnen und Bürger darüber austauschen, wie die Zukunft der Mobilität aussehen kann. Um eine Debatte entstehen zu lassen, hätten Bürger*innen dabei sein müssen, welche die Position „Contra-FR-Entscheid“ einnehmen. Die haben sich jedoch nicht zu Wort gemeldet.

Das könnte daran liegen, dass die Veranstaltungswerbung sie nicht erreicht hat. Es wurden Anzeigen in lokalen Zeitungen geschalten. Autohäuser sowie ADAC wurden auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht. Scheinbar ist die Veranstaltung jedoch nicht bis zu deren Kundschaft durchgedrungen. Ich frage mich, ob die Werbung ausreichend war oder welche anderen Ursachen es gegeben haben könnte.

Veronika: Siehst du noch weitere Schwachpunkte abgesehen vom Ausbleiben der Gegenposition?

Leonie: Der aus meiner Sicht zweite Schwachpunkt des Formats hat mit den Rahmenbedingungen der Veranstaltung zu tun. Es war im Vorhinein angekündigt worden, dass die Veranstaltung öffentlich gestreamt wird. Es braucht für eine Debatten-Arena ein Stück weit einen „Safe Space“, in dem sich Leute austauschen können. Die Teilnehmenden sollen sich sicher fühlen, dass ihre Aussagen später nicht verkürzt oder im falschen Zusammenhang dargestellt werden. Bei einer Debatte kann es schon mal hitzig werden und was man da sagt, würde man zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht nicht mehr in der Art formulieren. Mir war im Voraus nicht klar, dass die Veranstaltung auch aufgezeichnet werden würde. Das Event zu Streamen ergibt Sinn. Während Corona können oder wollen nicht alle Menschen bei einer Präsenzveranstaltung anwesend sein. Durch Streaming soll möglich gemacht werden, dass viele daran teilnehmen können. Allerdings kann ich den Gedanken, das Event aufzuzeichnen und im Netz zu veröffentlichen für dieses Veranstaltungsformat nicht ganz nachvollziehen.

Hinzu kommt, dass vor der Kamera nur bestimmte Menschen sprechen, Menschen mit viel Selbstvertrauen. Während der Debatten-Arena konnte man beobachten, wie eine Dynamik entstand, bei der sich die Teilnehmenden gegenseitig selbst in ihrer „Pro-FR-Entscheid“- Haltung bestärkt haben. Es hätte mich interessiert, ob und wie sich in dieser Stimmung, Menschen, die dem skeptisch gegenüber stehen, geäußert hätten. Durch die Veröffentlichung der Aufzeichnung haben die Sprecher*innen nicht nur eine Reaktion von den live-Teilnehmenden zu erwarten, sondern von jedem Menschen mit Internetzugang.

Veronika: Was können wir daraus für zukünftige Debatten lernen?

Leonie: Ich nehme zwei Dinge aus der Debatten-Arena mit. Zum einen bietet sich an, zu überlegen, ob man die Rahmenbedingungen für die nächste Veranstaltung ändert, sprich keine direkte Veröffentlichung der gesamten Veranstaltung im Netz. Zum anderen wurde deutlich, dass es beim nächsten mal mehr braucht, um die Menschen zu erreichen, die man tatsächlich bei einer solchen Arena dabei haben möchte. Es stellt sich also die große Frage: Wie kann man es schaffen, die Blase platzen zu lassen?

Veronika: War die Debatten-Arena dann ein Flop?

Nein. Im Gegenteil. Ich bin klar für konstruktive Debatten, gerne auch im Format einer Debatten-Arena. Beim Ausprobieren merkt man dann was funktioniert und was beim nächsten Mal besser gemacht werden kann. Insofern war diese Debatten-Arena Verkehr aus meiner Sicht sehr wertvoll.

 

 

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Leonie und Veronika sind ausgebildete Mediatorinnen. Leonie ist freiberuflich im Bereich Moderation tätig und ihr Interesse gilt insbesondere der Gestaltung und den Dynamiken von Gruppenprozessen.