Art des Artikels
Unternehmen im Porträt
Autor
Veronika

"Können Sie das dem Herrn Piluweri ausrichten?"

Zusammenfassung

Sarah Bernhard im StadtWandler Interview. Sarah ist im Team der Demeter-Gärtnerei Piluweri in Müllheim. Sie erzählt wie das biodynamische Gärtnern so läuft, wie man mit Trockenheit umgehen kann, und was das Piluweri Gemüse ausmacht.

Haupt-Inhaltsfeld

 

Den Herrn Piluweri gibt es zwar nicht, auch wenn immer wieder Menschen bei der Demeter-Gärtnerei Piluweri anrufen und nach ihm fragen. Dafür steht hinter dem Namen ein bunt gemischter Haufen Menschen mit Leidenschaft fürs Gemüsegärtnern und Landwirtschaften. Die Demeter-Gärtnerei in Müllheim liefert Gemüsekisten nach Freiburg, in den Breisgau und ins Markgräflerland aus.

5 große Herausforderungen in der Bio-Landwirtschaft, und wie man sie meistern kann.

1. Schonende Bodenbearbeitung, gegen trockene Böden

Sarah: Beim Anbau ist die Wasserversorgung in den letzten Jahren ein großes Thema. Tatsache ist: Durch die Klimaerhitzung sinkt der Grundwasserspiegel. Dadurch entstehen langfristig Problematiken, die wir jetzt vielleicht noch gar nicht komplett überblicken. Es wird Konflikte geben, zum Beispiel mit Kommunen, aber auch mit anderen Landwirten, darüber, wer wann ans Wasser darf.

Dürfen die Kommunen ihren Park bewässern oder dürfen wir unsere Äcker bewässern?

Durch die schonende Bodenbearbeitung haben wir einen Boden mit einer gesunden Humusschicht, die viel Wasser speichert. So hat der Boden eine gute Rückhaltefähigkeit und funktioniert zusätzlich als CO2 Senke. Wir müssen uns auch jetzt schon etwas einfallen lassen, wie wir auf die Trockenheit reagieren können.

2. Zeigen, was Gemüse wirklich kostet statt Kosten zu externalisieren

Konventionelle Produktion richtet Schäden an. Die Kosten, die dadurch entstehen, werden nicht in den Preisen der Produkte miteinkalkuliert. Die negativen Umweltauswirkungen sind also nicht bepreist. Die Zeit und den Aufwand, die wir in der Ökolandwirtschaft mehr benötigen, wirken sich auf unsere Preise aus.

Was eigentlich dahinter steckt, sind die negativen Umweltauswirkungen, die nicht bepreist sind.

3. Festanstellungen, damit Menschen vom Gärtnern leben können

Es ist eine Herausforderung, der Kundschaft verständlich zu machen, warum das Kilo Rote Bete bei uns etwas mehr kostet. Das liegt auch daran, dass wir alle fest angestellt sind, es keine Zeit- oder Leiharbeiter gibt. Wir haben einen Lohn, von dem wir als Gärtner auch leben können. Das spiegelt sich natürlich im Produktpreis wider. Darüber hinaus bezahlen wir höhere Preise für das Saatgut und den Dünger. Und wenn wir das Gesamtkonzept der Gärtnerei anschauen, haben wir höhere Kosten für die Nutzung regenerativer Energien. Das ist alles teurer und mit mehr Aufwand für uns verbunden, auch wenn man es im Produkt nicht unmittelbar sieht.

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Landwirtschaft
Landwirtschaft
Auf dem Piluweri Acker

4. Fachkräftemangel

Wir als Gärtnerei wachsen und brauchen dringend Fachkräfte. Es ist schwierig, Gärtner zu finden, die das, was wir brauchen, können und wollen. Menschen, die auch bereit sind, sich für biodynamischen Anbau einzusetzen und ihr Wissen in die Welt zu tragen. Wir sind seit 25 Jahren Ausbildungsbetrieb und bieten drei Lehrstellen an. So können wir sicherstellen, dass es Menschen gibt, die unsere Arbeit nach derselben Philosophie und mit derselben Leidenschaft weiterführen, wie wir. Und wir sind immer offen für Quereinsteiger und bieten eine Arbeit mit Sinn, zu einer angemessenen Bezahlung.

5. Ein Hoch auf gute Nachbarschaft

Wir haben grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis mit den Betrieben in der Umgebung. Zum Glück, denn wir müssen uns bezüglich der Wasserversorgung absprechen. Auch wegen der Pachtverhältnisse muss man sich in irgendeiner Form arrangieren. Wir haben sehr langfristige Pachtverträge und trotzdem gibt es mal einen Wechsel und wir konkurrieren um Flächen. Man muss miteinander können, gerade auch konventionell und bio. Man muss sich gut verstehen und auch mal den Ball flach halten. Trotzdem gibt es Einzelfälle, bei denen manche konventionellen Betriebe nicht gut auf ökologisch wirtschaftende Betriebe zu sprechen sind, vor allem, wenn wir sie auf Ihr Fehlverhalten hinweisen müssen.

Bei uns in der Gegend sind wir schon so ein bisschen die Ökos.

 

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Und wer ist jetzt Piluweri? Mehr über die Werte von Piluweri, den Inhalt der Gemüsekisten, Wertschätzung für die Landwirtschaft und immer mehr Gemüse-Abos im Markgräflerland gibt es hier im gesamten Interview zu lesen, das Leonie von StadtWandler im Oktober mit Sarah Bernhard von Piluweri geführt hat.

 

Sarah Bernhard
Sarah Bernhard
Sarah Bernhard aus dem Piluweri-Team

Sarah, Wie bist du bei Piluweri gelandet?

Ich wollte schon als Kind immer in die Landwirtschaft. Nach dem Abi war ich reisen und habe auch dort in der Landwirtschaft gearbeitet. Danach habe ich Geografie und internationale Landwirtschaftssysteme studiert. Da ging es allerdings um konventionelle Landwirtschaft, und eher um den technischen Aspekt, wie Bodenbearbeitungs-Systeme. Mit der Zeit habe ich mich immer mehr mit dem biologisch-dynamischen Anbau beschäftigt. Aber ich wollte nicht nur als Wissenschaftler von außen mitreden. Ich wollte meine Ideen auch selbst umsetzen. Nach meinem Bachelor habe ich mich dann - ohne Gärtnerlehre- in der Gärtnerei als "Allrounder" beworben. Dort organisiere ich jetzt das Gemüse-Abo mit. Im Anbau bin ich nicht, was ich, zugegeben, manchmal auch schade finde. Aber es ist schön, einen direkten Einfluss zu haben und am ganzen Prozess mitzuarbeiten, nicht nur ganz spezialisiert immer dasselbe zu tun. Ich würde gerne noch mehr in die Richtung Umweltbildung machen. Wir haben letztes Jahr einen Workshop über Samenfesten Sorten angeboten, das war wirklich schön. Ich möchte, dass das, was wir in der Gärtnerei machen, allen zugänglich ist. Dass unsere Kunden zwar ihre fertige Gemüsekiste geliefert bekommen, aber auch verstehen, wie biodynamische Landwirtschaft wirklich funktioniert! Da kann man ja ganz einfach anfangen, um ein bisschen die Distanz zu nehmen. So bin ich seit 2018 dabei und finde es immer noch toll.

Piluweri, was heißt das eigentlich?

Manchmal sagen Leute am Telefon "Hallo Frau Piluweri" oder "können Sie das dem Herrn Piluweri ausrichten?". Aber den gibt es so nicht. Das sind die Anfangsbuchstaben der Nachnamen von den vier Gründern. Der Name hat sich so eingebürgert und wurde gut angenommen.

Nach welchen Werten wirtschaftet Piluweri? Was ist bei euch als  landwirtschaftlicher Betrieb wichtig?

Wir arbeiten biodynamisch nach den Demeter Richtlinien. Im Vordergrund steht bei uns das Miteinander von Mensch und Pflanze. Das klingt vielleicht für den ein oder anderen sehr idyllisch, aber natürlich sind wir auch ein Unternehmen, das wirtschaftet. Aber nichtsdestotrotz möchten wir Nahrungsmittel erzeugen, die uns nicht nur satt machen, sondern die uns auch ernähren und uns gesund halten. Gemüse, das deshalb so gut ist, weil wir uns gut darum kümmern.

Besonders ist zum Beispiel, dass wir die Jungpflanzen Anzucht selbst machen. Das gibt es nicht so oft weil die meisten Gärtnereien ihre Setzlinge einfach einkaufen. Wir haben die Pflanzen von der Kinderstube bis zur Ernte und zum Verkauf bei uns. Außerdem arbeiten wir viel mit dem Einsatz von Nützlingen. So werden nicht einfach Pestizide gespritzt, sondern wir haben Nützlinge gegen Schädlinge. Viel Zeit stecken wir auch in Beobachtung und sind wachsam, damit wir einen Schädlingsbefall der Pflanzen früh erkennen und reagieren können bevor die Pflanzen schon krank sind.

Wir beschäftigen uns auch viel mit der Züchtung neuer Sorten und vermehren unser eigenes Saatgut. Aber neben den Pflanzen darf man uns Menschen nicht vergessen. Wir Mitarbeiter verbringen die Pausen zusammen und essen gemeinsam. Wir haben eine Köchin, die für uns aus unserem Gemüse kocht. Das ist ein sehr schönes Miteinander.

Neben den Pflanzen darf man uns Menschen nicht vergessen.

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Jungpflanzenaufzucht
Jungpflanzenaufzucht
Jungpflanzenaufzucht, die Kinderstube

Du warst im Praktikum schon in anderen Betriebsstätten. Merkst du einen Unterschied zwischen Piluweri und anderen Betrieben. Wie ist das aus deiner Erfahrung?

Man muss wachsamer sein und nicht nur in festgelegten Strukturen arbeiten, die sich nicht verändern dürfen. Wir stimmen uns immer wieder ab, ob wir mit den aktuellen Strukturen langfristig hinkommen und ob es den Menschen dabei gut geht, das ist wichtig. Wenn wir zum Beispiel den Humusaufbau stärken wollen, verbringen wir viel Zeit damit und betreiben großen Aufwand, einen eigenen Kompost zu haben. Das ist wirtschaftlich gesehen vielleicht nicht unbedingt rentabel, aber es ist eben für die Böden gut. Daran merkt man schon, dass neben dem unternehmerischen das Menschliche und die Pflanzen im Vordergrund stehen. Das ist in anderen Betrieben vielleicht nicht so.

Wir stimmen uns immer wieder ab, ob wir mit den aktuellen Strukturen langfristig hinkommen und ob es den Menschen dabei gut geht, das ist wichtig.

Was sind die größten Herausforderungen, die euch begegnen und die ihr versucht zu meistern?

Es gibt die alltäglichen Herausforderungen, zum Beispiel, wie wir alle neuen Kunden am besten beliefern. Nicht nur die Pflanzen, auch wir als Team und die Gärtnerei wachsen. Gerade planen wir eine Gärtnerei-Erweiterung mit einer neuen Halle. Und es gibt die Herausforderungen, die wir im Anbau, besonders im Freiland, haben.

Beim Anbau ist die Wasserversorgung in den letzten Jahren ein großes Thema. Die Trockenheit macht uns zu Schaffen. Tatsache ist: Durch die Klimaveränderung sinkt der Grundwasserspiegel. Dadurch entstehen langfristig Problematiken, die wir jetzt vielleicht noch gar nicht komplett überblicken. Wir haben das Glück, dass wir einen Tiefbrunnen und dadurch Zugang zu Wasser haben. Aber es wird Konflikte geben, zum Beispiel mit Kommunen. Dürfen die ihren Park bewässern oder dürfen wir unsere Äcker bewässern? Auch die Absprache mit anderen Landwirten, darüber, wer wann ans Wasser darf, kann restriktiv sein. Das ist schon jetzt eine Herausforderung und muss auch in Zukunft geregelt werden. Beispielsweise gibt es die Möglichkeit, Tröpfchenbewässerungs-Systeme zu installieren, die weniger Wasser verbrauchen. Die sind aber wiederum den Maschinen für die schonende Bodenbearbeitung im Weg. Deshalb können wir diese Systeme nicht so einfach verlegen. Das ist ein kleines Dilemma. Unser Jackpot ist aber, dass wir durch die schonende Bodenbearbeitung einen Boden mit einer gesunden Humusschicht haben. Diese Humusschicht speichert viel Wasser mit guter Rückhaltefähigkeit und funktioniert zusätzlich als CO2 Senke. Wir spüren die Auswirkungen der Trockenheit, da müssen wir uns etwas einfallen lassen.

Unser Jackpot ist, dass wir durch die schonende Bodenbearbeitung einen Boden mit einer gesunden Humusschicht haben.

Eine weitere Herausforderung ist, dass wir als Gärtnerei wachsen und dringend Fachkräfte brauchen. Es ist schwierig, Gärtner zu finden, die das, was wir brauchen, können und wollen und die auch bereit sind, sich dafür einzusetzen und Ihr Wissen in die Welt zu tragen. Wir alle sind fest angestellt, es gibt keine Zeit- oder Leiharbeiter. Wir haben einen Lohn, von dem wir als Gärtner auch leben können. Das spiegelt sich natürlich im Produktpreis wider. Und was man bei der Kalkulation gar nicht sieht, sind die internalisierten Kosten. Also die Kosten, die die konventionellen Produkte nicht mit einkalkulieren. Wir bezahlen höhere Preise für das Saatgut und den Dünger. Und wenn wir das Gesamtkonzept der Gärtnerei anschauen, haben wir höhere Kosten für die Nutzung regenerativer Energien. Das ist alles teurer und mit mehr Aufwand für uns verbunden, auch wenn man es unmittelbar im Produkt nicht sieht. Es ist eine Herausforderung, der Kundschaft verständlich zu machen, warum das Kilo Rote Bete bei uns eben etwas mehr kostet. Was eigentlich dahinter steckt, sind die negativen Umweltauswirkungen, die nicht bepreist sind. In dieser Hinsicht tut sich schon etwas, aber definitiv nicht genug.

Ihr arbeitet mit schonender Bodenbearbeitung. Was bedeutet das genau und wie bekommt ihr eine gute Humusschicht hin?

Zum einen bearbeiten wir die Flächen ohne Pflug, sodass die Bodenschichten so wenig wie möglich durcheinandergebracht werden. Außerdem muss die Fruchtfolge Sinn machen, damit der Nährstoffhaushalt ausgeglichen bleibt. Und der Kompost ist ein wichtiger Teil. Der setzt sich zusammen aus unseren Pflanzenabfällen, Kuh- und Pferdemist und Schnittgut aus Naturschutzflächen, Trester von einem benachbarten Saftbetrieb, Erde und Stroh. Auch beim Kompost kommen bei uns biodynamische Präparate zum Einsatz. Wichtig ist auch die Gründüngung vor und nach den Gemüsekulturen.

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Kompost
Kompost
Kompost für die Humusschicht

In der Rheinebene, wo Spargel und Erdbeeren meist konventionell angebaut werden, seid ihr etwas Besonderes. Wie ist es da für euch als Demeter-Betrieb?

Bei uns in der Gegend sind wir schon so ein bisschen die Ökos, man kennt Piluweri. Wir haben grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis mit den Betrieben in der Umgebung. Zum Glück, weil wir uns auch verstehen müssen wegen der Wasserversorgung. Man muss miteinander können, gerade auch konventionell und bio. Wir haben benachbarte Biobetriebe, mit denen wir auch Produkte austauschen. Sie verkaufen unser Gemüse und wir deren Obst mit - unsere Äpfel haben wir zum Beispiel von Naturgut Hörnle in Schallstadt-Mengen, auch ein Demeter Betrieb. Auch wegen der Pachtverhältnisse muss man sich in irgendeiner Form arrangieren. Wir haben sehr langfristige Pachtverträge und trotzdem gibt es mal einen Wechsel und Flächenkonkurrenz. Man muss sich gut verstehen und auch mal den Ball flach halten.

Trotzdem gab's auch Fälle, wo das nachbarschaftliche Verhältnis nicht gut funktioniert hat. Vor ein paar Jahren gab es einen Spritzschaden, als ein benachbarter Betrieb zu ungünstigen Wetterverhältnissen einfach gespritzt hat. Rückstände dieser Spritzmittel waren dann auf unseren Feldern, was zu einem Vermarktungsverbot unserer Produkte geführt hat. Für uns war das ein enormer Verlust. Aber der Nachbar hat das nicht eingesehen und uns ein bisschen als "Ökos" abgetan. Am Ende nahm das eine unschöne Richtung. Solche Einzelfälle gibt es eben auch, bei denen manche konventionellen Betriebe nicht gut auf ökologisch wirtschaftende Betriebe zu sprechen sind.

Man muss sich gut verstehen [mit der Nachbarschaft] und auch mal den Ball flach halten.

Welche Rolle spielt Pacht bei euch? Gehört auch etwas von dem Land oder die Hofstelle euch?

Die Fläche der Hofstelle bzw. der Gärtnerei in Hügelheim gehört uns. Wir haben insgesamt 40 Hektar Land, das wir bewirtschaften und davon sind 9 Hektar unsere eigenen. Die restlichen Flächen haben wir über Pachtverträge. Die ersten Hektar Land die damals gekauft wurden, auf denen steht jetzt das Gärtnerei Gebäude. Finanziert wurde der Kauf zu Beginn überwiegend durch die Mittel der stillen Gesellschafter.

Ihr habt eine GBR, die vier Leuten gehört. Wie funktioniert diese Struktur?

Es sind vier Gesellschafter mit jeweils einem Viertel Gewinnanteil. Dann gibt es 90 stille Gesellschafter, die sich mit finanziellen Einlagen eingebracht haben, die sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder  zurückbekommen.

Die vier Gesellschafter haften mit ihrem Privatvermögen, dafür bekommen sie einen Anteil am Gewinn. Die stillen Gesellschafter erhalten einen jährlichen Zins von durchschnittlich 2% brutto, entweder in Geld ausbezahlt oder als Gutschein für den Einkauf von Gemüse.

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Auf dem Acker
Auf dem Acker
Auf dem Piluweri Acker

Gärtnerarbeit ist sehr hart, gerade auch im Biobereich. Wie siehst du die Wertschätzung dafür in der Bevölkerung? Wie sind die Reaktionen, wenn du von deinem Job in der Landwirtschaft erzählst?

Tatsächlich sind die Reaktionen sehr gut. Wenn ich sage, dass ich in einer Gemüsegärtnerei arbeite ist das Erstaunen und das Interesse erst einmal sehr groß. Und ich merke, wie auf einmal von ganz vielen Seiten Rückfragen kommen. Im Bekanntenkreis ist es manchmal etwas Exotisches, aber fast alle finden es toll. Ich glaube, dass viele die Landwirtschaft mit etwas Ursprünglichem verbinden. Man macht etwas, dass alle Menschen brauchen, etwas "Existenzielles". Gerade jetzt, zu Corona -Zeiten, merken die Menschen wie wichtig es ist, dass auch hier bei uns Gemüse angebaut wird. Es wird mehr wertgeschätzt, dass man Lebensmittelerzeugung vor der Haustür hat und im Extremfall nicht erst darauf warten müsste, dass Nahrung eingeflogen wird!

Ich glaube, dass viele die Landwirtschaft mit etwas Ursprünglichem verbinden.

Auch bei unseren Kunden gibt es eine sehr hohe Wertschätzung für die Produkte. Das spürt man schon sehr lange. Wir kriegen viel positives Feedback, wie: "Euer Gemüse schmeckt so toll", "Es ist schön, dass es euch gibt", "Wir wüssten nicht, was wir ohne euch machen sollten". Das ist schon sehr, sehr schön. Ich würde sagen, dass das Bewusstsein für gute Biolebensmittel aus der Region schon mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Neben dem Gemüse, das ihr selbst anbaut, kauft ihr noch Ware aus wärmeren Regionen zu. Nach  welchen Kriterien wählt ihr aus womit die Biokisten ergänzt wird?

Wir haben unsere Piluweri-Kiste, in der nur Gemüse von uns und hier aus der Gegend kommt, eben immer das, was wir hier gerade ernten. Das ist die beliebteste Kiste, die die meisten Kunden im Abo haben. Dann gibt es aber auch Kunden, die sich das ganze Jahr vielfältiges Gemüse wünschen, die auch im Winter Tomaten, Paprika und Gurken essen wollen, auch wenn es die dann nicht aus eigenem Anbau gibt. Dafür haben wir eine Europakiste, in die dürfen auch Tomaten im Winter. Aus diesem Grund kaufen wir manche Sachen zu. Wir achten darauf, dass es möglichst nicht nur EG Bioware ist, sondern auch Verbandsware [= Ware von einem Bio-Anbauverband, Anm. der Redaktion], natürlich wenn möglich Demeter. Im Sommer und bis in den Herbst gibt es aber ein sehr umfangreiches Angebot von uns selbst. Wir hatten diesen Sommer eine so große Vielfalt, dass wir kaum genug Platz am Abo-Packplatz hatten. Es gab für eine Weile das Sommersortiment, das Herbstsortiment und schon den ersten Winterkohl gleichzeitig. Kunden können auch ohne feste Abo-Kiste einfach bestellen, worauf sie Lust haben.

Manche Gärtnereien verzichten bewusst darauf ihre Gewächshäuser zu beheizen. Wofür braucht ihr beheizte Gewächshäuser und was sind die Vor- und Nachteile?

Dadurch können wir sicherstellen, dass wir noch mehr Vielfalt haben als wir nur mit Freiland Anbau hätten. So haben wir im Winter andere Salate und eine längere Saison von Gurken, Tomaten und Paprika. Auch unsere Jungpflanzenanzucht braucht Wärme. Die Gewächshäuser werden nicht ständig beheizt, wie viel man heizen darf ist außerdem reglementiert. Es ist natürlich immer ein schmaler Grat wie viel Vielfalt man gewährleisten und dafür heizen will. Das System ist ganz fein gesteuert, was Bewässerung, Belichtung und die Lüftung angeht. Es steckt viel Technik dahinter. Dadurch wird auch viel gesteuert ohne viel Energie zu verbrauchen.

Weißt du was für eine Rolle die Gewächshäuser in eurer Energiebilanz spielen?

Die genaue Rolle, die das in unserer Energiebilanz spielt, kenne ich nicht. Wir reduzieren die Heizenergie in den Gewächshäusern aber um 20-25 Prozent, indem wir Energieschirme nutzen und dank der Doppelverglasung und Luftpolsterfolie in den Stehwänden. Wir hatten einen Energieberater da und sind jetzt an einem neuen Energiekonzept dran. Und wir haben schon jetzt Photovoltaik-Anlagen, die Energie liefern. Wir planen die Abwärme von unseren Kühlräumen zu nutzen, um gezielt Warmwasser zu erzeugen. Wir sind immer dabei, das Energiekonzept so geschlossen wie möglich zu halten.

Wir sind immer dabei, das Energiekonzept so geschlossen wie möglich zu halten.

In welchen Bereichen wollt ihr euch noch weiter entwickeln, um noch nachhaltiger zu werden?

Was wir jetzt schon machen und was auch noch weiterlaufen wird, sind eigene Züchtungen und Saatgutvermehrung. Wir achten darauf, Hybride, die man extern kaufen muss und die man nicht selbst vermehren kann, nur bei wenigen Kulturen zu verwenden. Wir vermehren samenfeste Sorten und stellen auch selbst Saatgut her. Mit der Bingenheimer Saatgut AG stehen wir im Austausch und stellen für sie auch Saatgut her. Es ist wichtig unabhängig von den großen Saatgut-Märkten zu bleiben. Diesen Zweig wollen wir auf jeden Fall weiter haben und je nachdem auch ausbauen. Dabei kommt es immer darauf an, wer mit Begeisterung und Enthusiasmus dabei ist.

Bei unseren Abo-Kisten ist auch viel im Wandel. Wir haben einen wahnsinnigen Zuwachs an Abo-Kunden bekommen, nicht nur durch Corona, auch schon davor. Als ich 2018 angefangen habe waren es 550 Kunden, die wir in der Woche beliefert haben. Und innerhalb von zwei Jahren sind wir jetzt bei 1200 Abo-Kunden pro Woche. Die ganzen administrativen Strukturen und wer sich um die Organisation kümmert, da müssen wir uns jetzt dran machen. Wir haben neue Fahrer, neue Touren, wir planen eine neue Halle, um die Kisten zu packen, es tut sich schon viel.

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Gemüsestrauß
Gemüsestrauß
Ein Strauß Gemüse für die Abo-Kiste

Beliefert ihr noch andere mit Gemüse, außer durch die Abo Kiste?

Wir beliefern hier in der Gegend ein paar Naturkostläden, unter anderem den Quartiersladen, den Marktladen Rieselfeld und den Biomarkt Tuniberg und die Glaskiste. Und die Alnaturas in Freiburg, Vauban, Zentrum Oberwiehre, Fahnenbergplatz und in der Kajo. Außerdem noch ein paar private Bildungseinrichtungen und viele Schulen und Kindergärten hier in der Gegend. Teilweise gibt es da Förderprogramme von der EU, die Obst- und Gemüselieferungen an Schulen bezuschusst. Außerdem haben wir Anbauabsprachen mit dem Großhandel. Die Firma Rinklin in Eichstetten und Bodan am Bodensee vermarkten unsere Produkte weiter. Dieses Konzept ist für beide Seiten sinnvoll: Der Großhandel bekommt in Anbauabsprachen seine Ware und sollten wir mal Übermengen haben, die wir nicht über das Abo verteilt bekommen, nimmt der Großhandel die auch mal ab. Die Direktvermarktung über die Abo-Kiste ist für uns aber sehr wichtig, weil wir dort eine höhere Wertschöpfung mit den Produkten haben. Wir können den Preis in Abhängigkeit unserer Kosten selbst besser steuern. Wir wollen bewusst nicht die "Hauptsache es ist billig"-Mentalität vertreten.

Ihr habt auch eine Studi-Kiste, können die nur Studis bestellen oder generell Leute mit geringem Einkommen?

Man muss keinen Studentenausweis vorlegen, um eine Studi-Kiste zu bekommen. Nur bereit sein, die Kiste selbst im Haus des Engagements abzuholen. Und bereit sein, auch mal Gemüse zu bekommen, das ein bisschen krumm, dafür aber auch günstiger ist und genauso schmeckt wie das schön gewachsene. In die Studi-Kiste kommt Gemüse für 15 Euro. Alles aus unserem eigenen Anbau, das gibt ein bisschen ein Gefühl dafür, was überhaupt wann bei uns wächst. Und vor allem: was man damit alles machen kann! Wir ernten, packen die Kisten und liefern die Kisten aus - einen kürzeren Weg gibt es nicht.

Ursprünglich kam die Idee auch daher, dass wir Zugang zu dem geben wollten, was eigentlich nur 20 Kilometer von Freiburg weg ist, aber mit dem Fahrrad nicht so einfach zu erreichen ist. Deshalb wollten wir unser Gemüse nicht nur in Bioläden, sondern persönlich zu den Studis bringen, die keinen Zugang zum Umland haben.

Wir ernten, packen die Kisten und liefern die Kisten aus - einen kürzeren Weg gibt es nicht.

 

 

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Fotos von Piluveri

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