Art des Artikels
Interview
Autor
Leonie

Verein für nomadische Erzählkunst in Corona-Zeiten

Über die eigenen Grenzen hinausdenken für eine bessere Gesellschaft nach Corona
Zusammenfassung

Was machen eigentlich die Initiativen gerade in der Corona-Krise? Wir haben für euch nachgefragt. Kathinka Marcks vom Nomadische Erzählkunst e.V. gibt einen Eindruck.

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Interview vom 09. April 2020

Der Verein für Nomadische Erzählkunst setzt sich für eine gesellschaftliche Transformation ein. Ihr Werkzeug ist dabei das Erzählen von Geschichten. Der Verein veranstaltet unter anderem Workshops und ist Organisator des Festivals Weltgeschichtentage und des Erzählcafés. Kathinka Marcks ist Vorsitzende des Vereins und leidenschaftliche Erzählerin. Die StadtWandler-Redaktion hat nachgefragt, wie ein Verein, der von Begegnungen mit Menschen lebt, mit dieser kontaktarmen Zeit umgeht.

Eure Aktionen und Veranstaltungen fallen weg, weil das Präsenz voraussetzt, richtig?

Richtig. Der direkte Kontakt ist es, den wir umso intensiver suchen desto mehr Technik es gibt. Technik ist gut und schön, aber sie kann einfach nicht diesen direkten Kontakt ersetzen. Umso wichtiger ist es Angebote in dem Bereich zu haben, damit Begegnung stattfinden kann und die Menschen nicht vereinsamen.

Habt ihr Alternativen zu euren Veranstaltungen entwickelt?

Eine von unseren Mitgliedern (Nikola Hübsch) hat das Grundschulprojekt entwickelt, bei dem den Kindern wöchentlich live an fast allen Freiburger Grundschulen Geschichten erzählt werden. Das kann gerade nicht stattfinden. Alternativ haben wir die Geschichten aufgezeichnet und so wird jede Woche auf der Internetseite der Stadt eine neue Geschichte veröffentlicht. Jedes Kind und jeder Erwachsene kann sich die Geschichten digital anhören.

Wie arbeitet ihr gerade intern?

Wir haben uns total zurück gezogen, schreiben Anträge und entwickeln Projekte für die Zukunft. Sobald die Abgeschiedenheit und die Isolierung vorbei sind können wir dann mit dem Weitermachen, was wir am Liebsten machen.

Das heißt ihr habt auch weiterhin erst einmal keine neuen Formate geplant, sondern ihr nutzt die Zeit, um euch neue Konzepte zu überlegen.

Genau. Wir bieten Workshops und eine Ausbildung im nächsten Jahr an. Außerdem haben wir eine Streuobstwiese bekommen. Da ist sehr sehr viel Arbeit nötig. Wir bereiten sowohl solche Orte wie die Streuobstwiese vor, als auch innere Orte, die es dann hoffentlich in der Zukunft in echt geben soll.

Was glaubst du, wie wird sich die Krise auf die Nachhaltigkeitsbewegung auswirken?

Die Krise hat zwei Seiten. Natürlich ist da dieser große Wunsch und die Hoffnung, dass die Leute jetzt gemerkt haben, dass sie auch weniger konsumieren können und es ihnen trotzdem gar nicht so sehr an etwas fehlt. Stattdessen können kann man in den Wald gehen und sich wieder intensiver mit den Menschen um sich herum beschäftigen.

Und es gibt vielleicht auch Leute, die sich fragen: Was mache ich eigentlich? Will ich wirklich wieder zurück, wenn es wieder normal weitergeht?

Das ist die positive Seite.

Die etwas dunklere Seite der Krise ist, dass es Menschen gibt, die entweder alleine wohnen oder tatsächlich sehr gefährdet sind und dadurch sehr ängstlich oder vereinsamt. Es gibt Menschen, die in einer nicht so glücklichen Partnerschaft leben und jetzt aufeinander hocken müssen. Wahrscheinlich werden diese Menschen die Situation nicht so gut verkraften und froh darüber sein, wenn die Krise wieder vorbei ist. Sie werden dann vielleicht gleich fünfmal so viel einkaufen.

Es ist schwer einzuschätzen, aber ich bin der Meinung, in der Krise liegt eine große Chance. Viele Menschen, die den Wandel wollen, haben davon geträumt, dass es so einen Stopp gibt. Es war nicht vorstellbar, was die Wirtschaft zum Stoppen hätte bringen können. Die ganzen Klimademonstrationen haben diesen Stopp quasi gefordert. Aber kein Politiker hat sich getraut, weil die Begründung nicht gereicht hat. Und jetzt, mit dem Virus, war die Begründung gut genug. Und es ist etwas eingetroffen, was viele Menschen, die sich für den Wandeln einsetzen, gewünscht haben. Es gehen damit auch negative Folgen einher (wirtschaftliche Existenzen gehen zugrunde, Menschen sterben isoliert im Krankenhaus,...), aber ich glaube im Verhältnis zu den Folgen des Klimawandels können wir diese Folgen recht gut verkraften.

Habt ihr als Verein eine Vision für die Zukunft der Nachhaltigkeitsbewegung in Freiburg?

Wir sind mit dem Festival der Weltgeschichtentage in den kleinen Läden der Freiburger Altstadt unterwegs. Uns ist sehr viel daran gelegen, dass es weiterhin diese kleinen Läden gibt. Nicht wegen dem Konsum, sondern wegen der Begegnung. Es geht auch darum, die Orte als Erlebnis- und Begegnungsräume lebendig zu halten. Einkaufen in kleinen Läden muss nicht immer unbedingt Konsum heißen muss, sondern kann auch ein Erlebnis sein kann.

Es gilt die Region zu unterstützen und das, was es in der Umgebung gibt, schön zu halten. Man muss nicht immer über die Grenze fahren, um an einem schönen Ort in der Sonne zu sitzen.

Gibt es etwas, das ihr jetzt oder in Zukunft als Verein braucht und für das ihr Unterstützung sucht?

Wir setzen uns für das Erzählen von Geschichten ein. Wir wollen, dass die Menschen einander wieder mehr erzählen und zuhören. Unterstützen kann man uns, indem man das Geschichtenerzählen entdeckt, zu den Veranstaltungen kommt oder selbst ab und zu mal eine Geschichte erzählt. Und jeder der Lust hat, in dem Bereich mehr zu machen, soll auf uns zukommen. Materiell brauchen wir eigentlich nichts. Wir brauchen tatsächlich Menschen. Und manchmal auch schöne Orte, an denen man erzählen kann, aber das lässt sich tatsächlich schneller finden als Menschen.

Was hat für dich das Geschichtenerzählen mit dem Gesellschaftlichen Wandel zu tun?

Vor allem hat das etwas mit Vorstellungskraft zu tun. Wenn wir es nicht schaffen, über die eigenen Grenzen hinaus zu denken, dann ist Wandel nicht möglich. Beim Erzählen ist die Fantasie grenzenlos. Die Freiheit im Denken ermöglicht über die eigenen Grenzen hinaus zu träumen.

Hinzu kommt: Es muss nicht immer alles ganz ganz neu sein. Das lerne ich immer wieder, wenn ich mit älteren Menschen zu tun habe und man über Neues redet. Dann sagen die Älteren: „Das kennen wir alles schon. Das haben wir auch schon alles ausprobiert.“ Und dann stellt sich die Frage: Braucht man wirklich etwas Neues? Ist das tatsächlich neu? Wenn man zurück schaut auf die alten Geschichten, dann gab es da Menschen, die sich als Teil der Natur sahen und deswegen auch einen respektvolleren Umgang mit der Umwelt pflegten. Diese Menschen gibt es auch heute noch. In diesem Denken und Umgang ist ein sehr großes Wissen, dass wir wieder anwenden können. Natürlich stellt sich die Frage, wie genau das zu unserer Lebensweise passt. Dennoch liegt die sehr große Inspiration in der Krise, dass wir aus dem linearen Denken in das Denken in Kreisläufen, das recycelnde Denken hinein gelangen.

Mit Denken in Kreisläufen meinst du, sich an das zurückzuerinnern, was es schon gab.

Genau, sich zurückerinnern an Wissen, das es schon immer gibt. Wie passe ich mich mehr an die Jahreszeiten an und wie lebe ich mit dem Rhythmus der Zeit und dem Rhythmus der Wirtschaft oder der Gesellschaft? Das Thema Tod und die Angst vor dem Tod ist gerade riesig. Das hat damit zu tun, dass wir sehr wenig Kontakt zu der älteren Generation haben, die teilweise weggeschlossen wird. Diese Familienverbände, wie es sie vor langer Zeit bei uns auch mal gegeben hat, gibt es heute kaum noch. Dadurch haben wir natürlich viel weniger Begegnung mit dem Tod. Wir haben Angst davor. Es geht aber nicht nur um den Tod, sondern auch um das Wissen von unseren Großeltern, zu dem wir kaum noch Zugang haben, weil wir unseren Großeltern nicht mehr alltäglich begegnen. Eine meiner Großmütter zum Beispiel lebt im Saarland und mit der anderen, die hier in Freiburg gewohnt hat, hatte ich zwar mehr Kontakt, aber die ist nicht mehr da. Mit ihr konnte ich über vieles reden und vor allem sie häufig treffen.

Wahrscheinlich geht der Kontakt also auch dadurch verloren, dass wir öfter umziehen und an unterschiedlichen Enden Deutschlands und der Welt leben.

Ja genau. Wir wollen so viel erleben und so viel sehen und übersehen dabei das was am nächsten liegt.

Und du schlägst vor, mehr Geschichten zu erzählen, um den gesellschaftlichen Wandeln voran zu treiben?

Ja ganz simpel, kann man das so sagen. Natürlich kommt es immer darauf an mit welcher Haltung, welchem Hintergrund und welcher Intention man diese Geschichten erzählt. Aber ja mit Geschichten und vor allem mit alten Geschichten kann man Menschen auf anderen Ebenen ansprechen, auf viel tieferen. So wirkt eine Geschichte lange nach, sie arbeitet in einem. Einmal im Monat erzählen wir eine kleine Geschichte auf youtube. Vielleicht ist es leichter zu verstehen, was ich meine, wenn man einmal so eine Geschichten (wenigstens) angeschaut hat – auch wenn live nochmal eine ganz andere Nummer ist.

 

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