Art des Artikels
Bericht
Autor
Leonie

Wie zukunftsfähig ist eigentlich das Mobilitätskonzept für Kleineschholz?

Quartier im Zukunfts-Test
Zusammenfassung

Wie steht's um das Baugebiet Kleineschholz? Was ist dort geplant und wie zukunftstauglich ist das? Hier im Fokus: das Mobilitätskonzept.

Haupt-Inhaltsfeld

Im neuen Baugebiet Kleineschholz sollen mehr als 550 Wohneinheiten entstehen. Die Ansage der Stadtverwaltung:

„Mit einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme sollen preisgünstiges Wohnen, innovative, soziale, ökologische und kulturelle Konzepte klimaneutral ermöglicht werden.“

Kann das gelingen? An dieser Stelle wollen wir einen genaueren Blick auf das Mobilitätskonzept für das neue Quartier werfen.

 

Der Plan der Stadtverwaltung

  • niedriger Stellplatzschlüssel - 0,3 Stellplätze pro Wohneinheit (statt 1 wie in der Landesbauordnung festgelegt)
  • Quartierstiefgaragen
  • Stellplatz nicht an Wohnraum gekoppelt – Wer dort wohnt zahlt nicht automatisch für einen Parkplatz.
  • Parken im öffentlichen Raum ist möglich für
    • mobilitätseingeschränkte Personen
    • Laden und Liefern 
    • kostenpflichtiges Kurzzeitparken
  • Besucherinnen und Besucher parken gegen Gebühr in der Tiefgarage
  • Fahrradstellplätze für Fahrräder aller Art
  • Fahrradverleihsystem Frelo
  • 25 Carsharing-Stellplätze
  • angebunden an Rad-Vorrangroute FR2 (+ geplante Vorrangroute Betzenhausen - Innenstadt – Oberau)
  • Zugänge zu Stadtbahnhaltestellen

 

LINKS

- https://www.freiburg.de/pb/1675294.html

 

Die Kritik

Im Grunde gibt es zwei Punkte, bei denen noch Uneinigkeit herrscht.

 

1. Wo sollen die Tiefgaragen hin?

Eine Initaitive aus mehreren Organisationen kritisiert: Tiefgaragen sollen möglichst an den Rand, um Verkehr im Quartier gering zu halten.

 

Die Stadtverwaltung sagt dazu, das sei dem Flächenlayout geschuldet. Man verzichte auf die Unterbauung des öffentlichen Raums und halte die geplante Lage der Tiefgaragen für sinnvoll. Wenn die Stellplatz nicht nah genug wären, würden "die geplanten zentral liegenden Nutzungen nicht funktionieren".

 

2. Durchgangsstraße durchs Quartier - Ja oder Nein?

Die Initiative kritisiert: Die Stadtverwaltung solle auf die bisher geplante Durchgangsstraße durchs Quartier verzichten. Die Zahlen zum Verkehrsaufkommen, mit denen beim Planungsprozess gerechnet wurden, seien für die Zukunft nicht haltbar, da das Verkehrsaufkommen in der Gesamtstadt zugunsten der Einhaltung der Klimaziele reduziert werden müsse. Das Motto: „Gesamtes Verkehrsaufkommen in Freiburg reduzieren und ein Konzept dafür für die Gesamtstadt verfolgen“. Laut Initiativen arbeite die Stadtverwaltung an einem Gesamt-Verkehrskonszept, welches jedoch Kleineschholz noch nicht berücksichtigt werden solle.

Bebauungsplan für Kleineschholz mit rot markierter Durchgangsstraße (Quelle: Anlage 2 zur Durcksache G20/003, Siegerentwurf von Dietrich Untertrifaller Architekten ZT GmbH und Ramboll Studio Dreiseitl)

 

Die Stadtverwaltung sagt dazu: Wenn es keine Durchgangsstraße gebe, schaffe man eine Insel und trage so zum "Zerfall des Stadtkörpers" bei. Außerdem könne die Durchgangsstraße zur sozialen Kontrolle beitragen. Ein Verzicht auf die Durchgangsstraße würde bedeuten, dass anderswo mehr Verkehrsbelastung entstehe. Auf der Durchgangsstraße sei Tempo 30 geplant und am Quartiersplatz sogar Tempo 20 und damit werde die Durchfahrt ohnehin unattraktiver.

 

Wird Kleineschholz ohne Durchgangsstraße zum Inselstadtteil? Und wenn ja, ist das gut oder schlecht?

 

Als Alternative schlägt die Initiative vor, die geplante Durchgangsstraße am zentralen Quartiersplatz mit absenkbaren Pollern für den zivilen Autoverkehr in Sackgassen zu verwandeln. Einsatzfahrzeuge (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst u.Ä.), Müllabfuhr, Taxis usw. könnten durchfahren und diesen Weg als verkehrsarme Umgehung in der Rushhour nutzen (Uniklinik und Rettungswachen in der Nähe). In vielen anderen Städten seien außerdem gute Erfahrungen mit „absenkbaren Pollern“ gemacht worden.

 

Fazit:

In großen Teilen herrscht Einigkeit, was das Mobilitätskonzept für Kleineschholz betrifft. Ein ausbleibender Disskussionspunkt ist die Durchgangsstraße. Dort lohnt es sich nochmal genauer hinzuschauen, ob die wirklich notwendig ist. Das Argument „Gesamtes Verkehrsaufkommen in Freiburg reduzieren und ein Konzept dafür für die Gesamtstadt verfolgen“ scheint angemessen vor dem Hintergrund, dass wir unsere städtischen Klimaziele erreichen wollen. Und immer dran denken: Einmal gebaut, dann steht das da für einige Jahrzehnte.

 

Und was jetzt?

Lieber Gemeinderat, was sagt ihr denn dazu? Schließich wird das von euch als gewählter Bürger:innenvertretung beschlossen. Überall in der Bundesrepublik gibt es Dörfer, die sich gegen Durchgangsstraßen wehren. Nun hat die Stadtverwaltung genau das im neuen Quartier Kleineschholz vor. Warum ist das unabdingbar?

 

Und warum sollte in Kleineschholz nicht etwas modellhaft ausprobiert werden, was für andere zukünftige und bestehende Quartiere nutzbar wäre? In Barcelona finden Superblocks (verkehrsberuhigte Zonen) übrigens großen Anklang (enorm). Inspiriert hat das bereits Berlin, München und Hamburg (ndr).

 

Das antworten die Gemeinderatsfraktionen:

Die StadtWandler Redaktion hat Mails an die Gemeinderatsfraktionen geschickt und folgende Antworten erhalten.
 

Disclaimer: Falls es beim Interpretieren der politisch formulierten Antworten zu Missverständnissen gekommen ist, nehmen wir gerne Rückmeldungen entgegen. Redaktionsschluss für die Antworten war der 29. Juli 2021. Falls sich seitdem Änderungen ergeben haben, freuen wir uns über Hinweise.

 

AfD

Wir haben keine Reaktion auf die Anfrage erhalten.

CDU

Die CDU Fraktion hatte sich gegen den Rückbau der Sundgauallee ausgesprochen. Die Fraktion führt gleichzeitig auf, dass eine Querverbindung (wie die durch das Wohngebiet) notwendig sei, um die Verkehrslast auf der westlichen Lehener Straße zu händeln.

Komplette Antwort

"Der Bebauungsplan „Kleineschholz Nord“ sieht vor, die bisherige Sundgauallee zu verlegen, um die bestehenden und künftigen Wohnquartiere im Stühlinger Westen miteinander zu verknüpfen. Würde die Sundgauallee vollständig wegfallen, hätte dies eine deutliche Mehrbelastung der Lehener Straße westlich der Bahnlinie zur Folge. Die westliche Lehener Straße ist jedoch vom Straßenquerschnitt und von den Nutzungen her für diese Mehrbelastungen nicht geeignet.  Deshalb wurde die Verlegung Sundgauallee in der im Bebauungsplan festgelegten Form vom Gemeinderat beschlossen."

Eine Stadt für Alle

Die Antwort wird nachgereicht und wird hier aktualisiert, sobald sie der Redaktion vorliegt.

GRÜNE

Die Fraktion will mögliche Alternativen zur Durchgangsstraße diskutieren und prüfen lassen, denn sie sind von den Argumente für eine Durchgangsstraße nicht überzeugt.

Komplette Antwort

"Wer Straßen sät wird Verkehr ernten - dieses Sprichwort gilt auch für Kleineschholz. Für mehr Lebensqualität und das erreichen unserer Klimaziele müssen wir den motorisierten Individualverkehr in der Stadt auf das Notwendige zu beschränken und mehr Platz für ÖPNV, Rad und Zu Fuß Gehende schaffen. Wir brauchen dafür einerseits die Verbesserung der notwendigen Infrastruktur. Andererseits muss Autofahren in der Stadt auch unattraktiver werden.

Dieser Paradigmenwechsel soll nicht nur in neuen Quartieren, sondern in der gesamten Stadt stattfinden.

Mit Kleineschholz soll in den angrenzenden Quartieren der Parkraum bewirtschaftet werden - parallel dazu könnte auch geprüft werden, ob man das Modell eines „Superblocks“ (wie es Kleineschholz ohne Durchfahrtsstraße wäre) für die angrenzenden Quartiere anwendet.

Die Argumente für die Durchfahrtsstraße der Stadtverwaltung überzeugen uns nicht - darum werden wir mögliche Alternativen diskutieren und prüfen lassen."

FDP / BfF

Die Fraktion hält die Durchgangsstraße nicht für eine Durchgangsstraße, sondern für eine „Erschließungsstraße“. Sie unterstützt die derzeitige Planung. „Eine Verlegung des Durchgangsverkehrs weg von der Berliner Allee ist weder vorgesehen noch erwartbar, auch aufgrund des reduzierten Tempos auf der Zugangsstraße.“

Komplette Antwort

Nach aktuellem Planungsstand handelt es sich bei der Verkehrsader durch das Quartier Kleineschholz um eine Erschließungsstraße und keine Durchgangsstraße.
Diese ist für den Zugang für Rettungsfahrzeuge, Sozial- und Lieferdienste und Anwohnende notwendig. In diesem Sinne unterstützen wir den gegenwärtigen Stand der Planung. Eine Verlegung des Durchgangsverkehrs weg von der Berliner Allee ist weder vorgesehen noch erwartbar, auch aufgrund des reduzierten Tempos auf der Zugangsstraße.“

Freiburg Lebenswert

Die geplante Durchgangsstraße würde die Anwohnenden mehr als nötig belasten. Die Fraktion ist dafür, die Sundgauallee nicht zurückzubauen, um so die Menschen, die künftig in Kleineschholz wohnen, „mit einem verkehrsberuhigten Quartiersbereich“ zu entlasten.

Komplette Antwort

Wie Sie schon in Ihrer Anfrage durchblicken lassen, ist die jetzige Straßenplannung durch das Wohngebiet alles andere als sinnvoll. Die Straße soll zwei nahezu rechtwinklige Knicke bekommen, was für Autofahrer durch die Kurvenfahrten und die notwendigen Abbrems- und anschließenden Beschleunigungsvorgänge unattraktiv ist. Offensichtlich will man durch diese Verkehrsführung die Autos aus dem Quartier draußen halten. Inwieweit das gelingt, sei mal dahingestellt. Jedenfalls werden die künftigen Anwohner mehr als notwendig vom Durchgangsverkehr belästigt werden. Ich bin durchaus für eine durchgreifende Mobilitätswende weg vom Auto. Aber eine solche Planung, die einzig darauf abzielt, den Autofahrern unattraktive Straßenverläufe zu offerieren, um sie vom Autofahren abzuhalten, ist inakzeptabel. Autofahrer kann man nicht, indem man sie verärgert, von anderen Verkehrsmitteln überzeugen. Ich hatte mich daher wie auch der Bürgerverein Betzenhausen-Bischofslinde gegen einen Rückbau der Sundgauallee in diesem Bereich ausgesprochen, die dort einen sehr schönen geschwungenen Verlauf hat. Die Frage ist also in der Tat, warum man die bisherige Verkehrsführung nicht belässt, die künftigen Bewohner von Kleinescholz mit einem verkehrberuhigten Quartiersbereich entlastet und obendrein sicher auch noch Kosten spart.“

Freie Wähler

Freie Wähler lehnen den zweiten Bauabschnitt des Rathauses im Stühlinger derzeit ab und sehen somit auch den Bau des neuen Quartiers Kleineschholz in Frage gestellt.

Komlette Antwort

"Da die Freien Wähler den Zweiten Bauabschnitt des Rathauses im Stühlinger zum jetzigen Zeitpunkt aufgrund der finanziellen Haushaltslage ablehnen, ist das Verkehrskonzept Kleineschholz ebenso auf dem Prüfstand. Die erwähnte Durchgangsstraße würde zum Zuge kommen, wenn der 3. Bauabschnitt (mit Wohnbebauung) fällig wird. Denn dann würde möglicherweise die jetzige Sundgauallee/Lehener Straße zurückgebaut werden. Das ist aber m.E. absolute Zukunftsmusik und keinesfalls festgezurrt. Wir warten daher den Bürgerentscheid ab, den wir initiieren werden."

JUPI

Für die Fraktion ist es zu früh, endgültig Stellung zu beziehen. Sie wollen zuerst den Fachausschuss abwarten, um sich dort zu informieren.

Komplette Antwort

Für unsere Fraktion ist es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh, endgültige Aussagen über die geplante Durchgangsstraße im Baugebiet Kleineschholz zu treffen.

Für solche Aussagen müssen wir die Beratung in den Fachausschüssen abwarten. Hier haben wir die Möglichkeit, den Planer*innen genau diese Fragen zu stellen. Mit diesen Informationen können wir dann einschätzen, welche Auswirkungen eine Unterbrechung der geplanten durchgängigen Quartierserschließungsstraße haben könnte. Hierbei darf nicht nur das Quartier Kleineschholz isoliert betrachtet werden, sondern auch die angrenzenden Gebiete müssen in die Gesamtschau miteinfließen.

Grundsätzlich stehen wir zu einem Quartier mit möglichst wenig motorisiertem Individualverkehr. Wir sind jedoch keine Mobilitätsplaner*innen und möchten uns daher zunächst in den Fachausschüssen genau informieren, um dann in Abwägung der Argumente eine Entscheidung treffen zu können."

SPD / Kulturliste

Die Fraktion unterstützt die aktuelle Planung, wird aber den Vorschlag prüfen lassen, versenkbare Poller zu nutzen, um den Durchgangsverkehr einzuschränken.

Komplette Antwort

Nach intensiver und kontroverser Debatte hat sich der Gemeinderat am 08.12.2020 mit den Stimmen der SPD/Kulturliste mehrheitlich für die Entwicklung eines nachhaltigen und innovativen Mobilitätskonzeptes entschieden. Dabei soll der Schwerpunkt auf die Schaffung von guten Bedingungen für den Fuß- und Radverkehr gelegt werden. Ein Bestandteil davon ist die optimale Nutzung des ÖPNVs in Verbindung mit verschiedenen Mobilitätsdienstleistungen wie z.B. Carsharing oder Fahrrad- und Lastenräderverleih. Hinsichtlich der Interessen von Mobilitätseingeschränkten, von Rettungsdiensten und Lieferanten soll eine verkehrsberuhigte Durchgangsstraße Bestandteil der Planungen sein. Die SPD/Kulturliste wird den Vorschlag, versenkbare Poller zu nutzen, um den verkehrsberuhigten Durchgangsverkehr weiter einzuschränken, im Verlauf der weiteren Planungen einbringen und auf seine Umsetzbarkeit und Kompatibilität mit dem Verkehrskonzept hin prüfen lassen."

 

Vielen Dank an die Fraktionen für die Antworten!

 

[letzte Änderungen:]

  • [14.07.21] Bebauungsplan mit markierter Durchgangsstraße hinzugefügt.
  • [30.07.21] Das antworten die Gemeinderatsfraktionen

 

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Der Artikel wird im Rahmen des StadtWandler Projekts #FreiburgBautZukunft veröffentlicht, das vom Innovationsfonds Klima- und Wasserschutz der Badenova gefördert wird.

Zuletzt geändert
30.07.21, 09:25