Art des Artikels
Interview
Unternehmen im Porträt
Autor
Leonie

„Basilikum? Wir wollen die ganze Gärtnerei!“

Wandel konkret - Liebeserklärungen an gemeinschaftsgetragene Unternehmen
Zusammenfassung

Carolin Urban im StadtWandler Interview.

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Artikel aus der Reihe: Wandel konkret - Liebeserklärungen an gemeinschaftsgetragene Unternehmen

Im Anschluss an den Artikel findet sich ein Link zur aktuellen Finanzierungs-Kampagne der Gärtnerei.

 

Carolin Urban ist im Team der Demeter-Gärtnerei Kräutergarten Urban in Schallstadt-Leutersberg. Sie erzählt von ihrem Weg von der Großstadt zurück in den Garten, von Herausforderungen und Lösungen ihres Unternehmens und warum billige Baumarkt-Setzlinge für die Tonne sind und wie man nicht nur einen Basilikumtopf für den Balkon, sondern gleich eine ganze Gärtnerei haben kann.

 

Die Liebe zu den Pflanzen, zu jeder einzelnen.“ Das ist laut Carolin Urban das Besondere an der Gärtnerei. „Und natürlich unser Sortiment. Wir versuchen immer etwas Besonderes, aber Bodenständiges zu haben.“ Seit 2017 besteht die Gärtnerei in Schallstadt und baut dort auf gepachtetem Land nach Demeter-Richtlinien an. Jetzt will die Gärtnerei langfristig Bio-Anbau auf eigenem Land betreiben und zieht dazu nach Wyhl um. Im Gegensatz zu vorher gibt es dort mehr Platz (3 ha), eigene Strom- und Wasseranschlüsse, befestigte Wege und Betriebsgebäude für die Gärtnerei. Für die Finanzierung des neuen Standorts ist die Gärtnerei auf der Suche nach Menschen, die Genussrechte kaufen.

Was es genau mit den Genussrechten auf sich hat, nach welchen Werten die Gärtnerei wirtschaftet und welche Herausforderungen sich (auch im Kontext des Klimawandels) stellen erfahrt ihr im Interview mit Carolin Urban.

Feedback oder Fragen zum Artikel gerne an info[ät]stadtwandler.org


Carolin, nach welchen Werten wirtschaftet ihr? Was ist euch als landwirtschaftlicher Betrieb wichtig?

Wichtig ist die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und Herzblut. Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Garten „wurschteln“ und Pflanzen und Tiere beobachten. Wenn ich davon leben will, muss aber auch produziert werden, und zwar zackig. Und die Pflanzen müssen gut aussehen. Da muss man dann auch manchmal Abstriche im „Wurschteln“ machen. Die Artenvielfalt ist super und willkommen, trotzdem muss man Wege finden, dass die Tiere nicht nach ihrem Gutdünken und an allem partizipieren.

Zudem ist uns der nachhaltige, bzw. regenerative Ansatz wichtig. Wir versuchen immer mit der Natur zu arbeiten und ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. Und das mit unseren Bedürfnissen zu verbinden.

Und natürlich ist uns Qualität ganz wichtig. Qualität der Produkte, Lebensqualität, die Qualität der Arbeitsplätze, die Qualität des Bodens. Die größte Achtsamkeit für das alles geht für uns mit dem Anbau nach Demeter-Richtlinien einher.

In welchen Bereichen wollt ihr euch weiter entwickeln, um noch nachhaltiger zu werden?

Erst mal entwickeln wir ja einen ganz neuen Betrieb, der so nachhaltig wie möglich aufgestellt ist. Dazu gehören Gebäude aus Glas und Stahl (Glashäuser), Holz, Hanfkalk und Lehm mit Gründach; Solaranlage mit Salzwasserbatterie, Wärmepumpe, eigener Brunnen, nachhaltige Market-Garden Struktur und eigene Urproduktion.

Was bedeutet Market Garden?

Market Garden ist eine feste Beet-Struktur (also kein Acker) mit Wegen. Die Beete werden jedes Jahr bepflanzt, die Wege bleiben. Dadurch dass nicht großflächig bearbeitet wird, wird der Boden geschont. Das bedeutet jedoch auch viel Handarbeit. Ein weiterer Vorteil: Man kann auf kleinstem Raum sehr viel anbauen. Dieses Konzept wendet die Gärtnerei Urban für ihre Kräuter an.

» Mehr zu Market Garden

Natürlich gibt es immer Verbesserungspotential. So ist zum Beispiel der Online-Versand schon eine Ressource, die wir nutzen, auch wenn wir nur ökologische und nachhaltige Verpackungsmaterialien verwenden und mit GoGreen versenden. Das ist dann der Kompromiss an die Wirtschaftlichkeit, den wir machen müssen.


Was genau sind eure (zukünftigen) Geschäftszweige?

Schwerpunkte sind die Topfpflanzenproduktion (Gärtnerei) für Stauden, Kräuter, Wildpflanzen, Gemüse-Jungpflanzen und Obst; sowie die Teekräuter-Produktion auf dem „Feld“. Sicherlich werden wir noch weitere Kräuter-Produkte anbieten. Zudem gibt es eine Verkaufsfläche und einen besonderen Hofladen vor Ort. Und wir planen Kurse und Thementage, also Bildung zu Natur, Garten und Kräutern.

Was bedeutet „Urproduktionsgärtnerei“?

Dass wir alles selber machen. Unsere Pflanzen sind gesät, geteilt, gesteckt oder sonst wie selbst vermehrt. Wir kaufen keine Setzlinge zu, um sie dann weiterzuverkaufen. Natürlich jetzt am Anfang schon, um die Angebotspalette sortenrein erweitern zu können. Aber dann werden die Sorten im Mutterpflanzenquartier gepflanzt und von uns weitervermehrt. Eigenes Saatgut keimt immer am besten! Ein paar spezielle Sachen wie Rosen, Clematis, Obstbäume werden wir auch als Handelsware anbieten – alle Bereiche zu bespielen kostet zu viel Know-How und Zeit.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Nutzpflanzen-Sorten aus, die ihr anbaut?

Die Nutzpflanzen in Form von Gemüse-Setzlingen bauen wir nicht an, die gibt’s eben nur als Jungpflanzen. Hier ist uns eine große Bandbreite wichtig, Sorten die alt oder lokal sind, Buntes und Besonderes. Wir führen viele Sorten der Sortenerhalter-Organisation ProSpecieRara . Bei allen anderen ist uns eine Robustheit wichtig, dass sie gut wachsen, gut schmecken, gut riechen. Bei Stauden und Blütenpflanzen ist wichtig, dass sie auch der Insektenwelt dienen können. Wir führen wenig Hybriden und nichts was steril gezüchtet wurde.


StadtWandler arbeitet unter dem Motto „Pop the Bubble“ daran, alle Menschen mitzunehmen auf dem Weg zu einem guten Leben. Mit welchen Argumenten würdest du Menschen, die sonst ihre Pflanzen im Baumarkt besorgen, überzeugen bei euch einzukaufen?

Ich bin mir nicht sicher, ob man da mit Argumenten weiterkommt, es ist eher eine Alternative. Und die hat mit Bewusstsein zu tun.

Punkt eins: Ich kann eigentlich nichts kaufen, was als „bienenfreundlich“ angepriesen wird, aber mit Insektiziden und Pestiziden hergestellt wurde. Weil dann habe ich die Artenvielfalt ja schon vernichtet mit dem Kauf des Produktes. Und was nicht mehr da ist, kann sich nicht mehr vermehren. Besser ist es also, Produkte zu kaufen, die auch in der Herstellung Artenvielfalt fördern.

Punkt zwei: das Bewusstsein, was etwas Wert ist. Lebensmittel sind etwas wert, gute Arbeit ist etwas wert, seine Nachbarn kennen ist etwas wert. Erzeuger in der Region kann man kennenlernen und sie stellen etwas von Wert mit Werten her. Hinter den Produkten stehen also Menschen. Hinter den auf kurze Schönheit getrimmten Pflanzen im Baumarkt stehen anonyme, quadratkilometergroße Gewächshäuser irgendwo auf der Welt, und ein Konzern, der Billiges billig verkauft.

Punkt Nummer drei: Die Pflanze im Baumarkt muss schön sein, damit sie gekauft wird. Die meisten Pflanzen haben eine Entwicklungskurve, die zu begleiten das ganze Glück eines Gärtners ist. Der Höhepunkt, und meist ein kurzer, sind die Blüten. Ich kaufe im Baumarkt also die Pflanze, wenn sie am besten aussieht. Die Pflanze kommt dabei aus unnatürlichen Gegebenheiten, nämlich aus klimatisierten Gewächshäusern und wurde mit Dünger und Stauchungsmittel behandelt (Ja, wirklich! Damit die Pflanzen schön kompakt wachsen!). Und ab diesem Zeitpunkt kann es mit der Pflanze nur bergab gehen. Sie verblüht, sie kommt mit kalt/warm, Regen/Sonne nicht gut zurecht und wird oft krank.

Pflanzen, die im Staudenbetrieb gekauft werden, haben 90% ihres Lebens im Freiland verbracht. Biopflanzen werden wenig gedüngt und sehen daher, je nach Jahreszeit, oft kleiner aus. Die Pflanzen sind im Topf nicht immer die Schönsten, aber sie haben das Potential und die Kraft, im Garten über Jahre ihre Schönheit zu entfalten. Dafür könnte man etwas mehr Zeit und auch etwas mehr Geld investieren. Pflanzen sind übrigens auch Lebewesen! Man wirft sie nicht weg, nur weil sie verblüht sind!

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Ein Modell des Neubaus der Gärtnerei in Wyhl.

Was sind die größten Herausforderungen, die euch begegnen und die ihr versucht zu meistern?

Oh, das ist ein weites Feld! Wenn du graue Haare kriegen willst, versuche zu bauen! Eine große Herausforderung ist, unsere Vorstellungen zu verwirklichen, auch wenn sich all die notwendigen Berater und Behörden darunter wenig vorstellen können. Man wird sehr sehr flexibel (und wird man es nicht, wird es nichts). Kommt ein Problem (und es kommen viele) muss man Lösungen finden. Das wird ein Automatismus: neue Wege finden.

Eine weitere Herausforderung ist natürlich die Finanzierung eines so großen Vorhabens, wenn man nicht reich ist und nichts besitzt, das man beleihen kann oder das als Sicherheit dient. Auch hier muss man sehr kreativ sein und einen langen Atem haben.

Ganz praktisch stehen wir vor der Herausforderung aus einem Acker eine Beetkultur zu machen. Ackerunkräuter sind allen anderen Pflanzen weit überlegen. Sie wurzeln tiefer, sie keimen bei absoluter Trockenheit, sie wachsen schneller und höher und sie machen in jeder Größe Samen. Es ist ihnen also sehr schwer beizukommen. Das erfordert sehr viel Einsatz und Geduld – Sisyphos, mindestens.

Letzter Punkt: dass alles so lange dauert.

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Wie bemerkt ihr die Folgen des Klimawandels?

Wie alle Gärtner: es wird heißer, vor allem länger heiß. Und es regnet zu wenig. Dass die Wettersysteme hängen bleiben und das Wetter sich dann Wochen oder monatelang nicht ändert, stellt uns vor spezielle Herausforderungen. Kräuter sind sensibel. Bewässern geht, aber in Regenjahren haben wir wenig Chancen. Wir versuchen ein gutes Mikroklima anzulegen, mit bedecktem Boden, Bäumen, vielen Hecken, um den heißen Wind zu brechen und die Feuchtigkeit zu halten.

Welche Rolle spielt Kompostierung und Bodenaufbau bei euch?

Eine Wichtige! Kompost ist das Gold des Gärtners. Und Kompost kann enorm viel leisten. Der Boden sollte so belebt und lebendig wie nur möglich sein. Das wird ein ganz wichtiger Bereich sein, mit dem wir uns stetig beschäftigen.

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Du bist in einer Staudengärtnerei aufgewachsen, dann hast du im künstlerischen und Gastro-Bereich gearbeitet. Nun arbeitest du im eigenen Gärtnereibetrieb. Kannst deinen Weg zur Tätigkeit als Gärtnerin aus deiner Perspektive beschreiben? Wie bist du dorthin gekommen und warum?

Ich habe mich in der Natur immer sehr wohlgefühlt. Ich beobachte gerne und verliere mich im Garten. Trotzdem wollte ich mit Anfang 20 Rock'n'Roll sein. Und hab das auch durchgezogen, mit dem OBW9 in Stuttgart (Kunst- und Veranstaltungsraum) und der Makrele-Bar auf St.Pauli, zusätzlich zur Photographie. Insgesamt stellt man aber irgendwann fest, dass man ist wer man ist, und nicht unbedingt wer man gerne sein möchte. Selbstständig bin ich schon immer und im Garten fühle ich mich einfach am wohlsten. Gärtnerin ist also perfekt. Und ist mir ja auch in die Kindheit gelegt – ich gärtnere meist nach Gefühl.

Die Arbeit in der Landwirtschaft ist zum Teil sehr hart. Wie nimmst du das wahr? Und was treibt dich dazu an?

Oh ja. Es ist hart und man gewöhnt sich auch nicht dran (zumindest nicht an die Feldarbeit). Aber es macht glücklich. Man sieht was man geschafft hat, man arbeitet mit lebendiger Materie, man hat einen Freiluftarbeitsplatz mit integriertem Solarium, Sauna und Fitnessstudio. Die Arbeit mit der Erde ist heilsam und erfüllend. Aber man muss schon auch einen Bezug dazu haben. Ein bisschen was selbstausbeuterisches und die Liebe zur Sache.

Ich bin Gärtnerin, weil ich Pflanzen liebe. Pflanzen sind wie Kinder, sie haben Bedürfnisse, die ich erkennen und befriedigen muss. Gleichzeitig ist man Schöpfer und lässt Dinge wachsen. Aber man ist nie sicher, ob es auch funktioniert. In einem Satz: die schönste und spannendste Arbeit der Welt! Auch mit 12 Stunden Tagen!


Derzeit läuft eine Kampagne, bei der ihr Genussrechte vergebt. Was bedeutet das für euch und die Zukunft des Betriebes?

Für unseren neuen Betrieb haben wir einen großen Finanzierungsbedarf. Indem Menschen Genussrechte erwerben, erhalten wir eine Finanzierung, die wir nicht wie bei einem Bankkredit schon nach ein oder zwei Jahren tilgen müssen, sondern erst nach fünf bis neun Jahren (Laufzeit der Genussrechte), wenn die Anleger das wollen. Das gibt uns den Spielraum, unseren jungen Betrieb zu entwickeln. Außerdem können sich unsere Kunden und Interessierte am Projekt beteiligen und wir generieren Aufmerksamkeit.

Je mehr Genussrechte wir ausgeben können, desto leichter fällt es uns also bald Gewinne zu erwirtschaften.

Was sind Genussrechte?

Genussrechte sind eine Chance von Unternehmen, sich von Bankkrediten unabhängiger zu machen. Wenn Menschen Genussrechte beispielsweise einer Gärtnerei erwerben, ermöglichen sie damit eine Banken-unabhängige Finanzierung dieser Gärtnerei. Die Genussrechte haben eine bestimmte Mindestlaufzeit. Bei Kündigung werden die Genussrechte von der Gärtnerei an den/die Genussrecht-Inhaber*in zurückgezahlt, ansonsten laufen sie ohne festes Ende weiter. Anders als bei Aktien, hat der/die Inhaber*in eines Genussrechts kein Stimmrecht, kann aber je nach Vereinbarung am geschäftlichen Erfolg des Unternehmens beteiligt werden.

Beim Kräutergarten Urban kann man sich die Zinsen auch in Naturalien statt Geld ausbezahlen lassen und bekommt so jährlich einen Gutschein über die Zinssumme (abzüglich Steuer). Dieser Gutschein kann für alle Produkte eingelöst oder verschenkt werden.

Mehr Informationen zu den Genussrechten der Gärtnerei auf kraeutergarten-urban.de.

 

Danke an Carolin für die wertvollen Einblicke in die Gärtnerei, die mit so viel Herzblut geführt wird! Wir wünschen euch viel Erfog für die Zukunft eures gemeinschaftsgetragenen Unternehmens!

 

 

 

Weitere Informationen:

 

Kräutergarten Urban ist das zweite gemeinschaftsgetragene Unternehmen im StadtWandler-Interview. Hier findet ihr das Interview mit Allemende, dem gemeinschaftsgetragenen Bauprojekt.

Du weißt ein gemeinschaftsgetragenes Projekt in der Region Freiburg, das wir unbedingt interviewen sollten? Oder du hast eine Frage zum Thema, die dich umtreibt? Schreib an info[ät]stadtwandler.org

 

 

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Fotos: Kräutergarten Urban

 

Zuletzt geändert
06.12.23, 23:57