Art des Artikels
Initiativen im Porträt
Podcast
Autor
Leonie

Eine Bewegung, die sich überflüssig machen will, und das Lieferkettengesetz

StadtWandler-Podcast Folge #3 mit Daniel Haselwander vom Weltladen Gerberau
Zusammenfassung

In dieser Podcastfolge spricht Leonie von der StadtWandler-Redaktion mit Daniel Haselwander vom Weltladen Gerberau. Daniel spricht darüber, dass der Weltladen viel mehr ist als nur Einzelhändler für faire Produkte und was die Initiative Lieferkettengesetz damit zu tun hat.

Haupt-Inhaltsfeld

Daniel hat Foodsharing Freiburg mitgegründet und war dort 4 Jahre lang Botschafter. Heute arbeitet er in der Koordination des Weltladens Gerberau.

Aufnahme vom 14.05.20

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Shownotes:

Was ist das Lieferkettengesetz und warum ist das wichtig?

Die Initiative will Unternehmen verpflichten, Menschenrechte zu achten und Umweltzerstörung zu vermeiden - auch und gerade im Ausland, am Beginn der Lieferketten. Freihandel wird in den letzten Jahren verstärkt hinterfragt. Der Begriff "Freiheit" in Freihandel wird so interpretiert, dass Umwelt- und Menschenrechtsstandards in den Produktionsländern ausgeklammert werden. Wie wäre es, wenn Handelsbeziehungen auf Augenhöhe stattfänden und Umweltschutz und Menschenrechte in der gesamten Produktionskette geachtet würden? -> Geile Idee! oder -> Erzähl mir mehr!

 

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Lesen

Transkript des Interviews mit Daniel Haselwander vom Weltladen Gerberau und Leonie von der StadtWandler-Redaktion.

Leonie: Wie bist du zum Weltladen gekommen?

Daniel: Ich bin seit ca. 5 Jahren dabei. Ich habe vorher im Treffpunkt Freiburg beim Magazin Engagiert in Freiburg mitgearbeitet. Darüber habe ich Carolin kennen gelernt, die beim Weltladen in der Bildungsarbeit aktiv ist. Als die Stelle im Treffpunkt weggefallen ist, wurde zufällig gerade eine Mitarbeitenden-Koordinationsstelle im Weltladen frei.

Mittlerweile mache bin ich auch in der Geschäftsführung des Weltladen tätig. Es gibt drei Hauptamtliche und eigentlich machen alle alles. Ich mache Ladendienst, aber auch Bildungsarbeit. Mein Schwerpunkt liegt allerdings auf der Mitarbeitenden-Koordination. Wir haben ca. 60 Ehrenamtliche, die ich einlerne und betreue.

Wie findet ihr die Ehrenamtlichen, die bei euch arbeiten?

Viele finden uns. Sie sehen unsere Aushänge, Flyer oder eine Anzeige bei der Freiwilligenagentur oder in der Zeitung. Dann landen immer wieder Leute initiativ auf unserer Webseite, weil sie im fairen Handel mitarbeiten wollen und nach Weltläden in Freiburg suchen. Das sind zum Beispiel Studierende, die neu in Freiburg sind und sich engagieren wollen.

Warum habt ihr Freiwillige, die bei euch arbeiten und keine Angestellten?

Also vier Leute sind angestellt: eine Reinigungskraft, Henrike Behrend als Geschäftsführerin, Carolin Bersin-Tarda als Bildungsreferentin und ich als Mitarbeitenden-Koordinator. Die Ehrenamtlichen sind aus der Weltladenbewegung gewachsen. Die Bewegung gibt es jetzt seit über 40 Jahren und ist aus der Entwicklungshilfearbeit entstanden. Das begann mit fair gehandeltem Kaffee, dann kam irgendwann Zucker und Schokolade dazu und schließlich ist das Angebot immer größer geworden. Das ist ehrenamtlich entstanden und wird bis heute so fortgeführt. Es gibt auch Weltläden, die nur mit Hauptamtlichen arbeiten, aber das ist die Ausnahme. Die meisten Weltläden sind komplett ehrenamtlich. Der Grund liegt einfach darin, dass die fair gehandelten Preise ja bereits höher sind als im konventionellen Handel. Wenn man jetzt noch die ganzen Mitarbeitenden bezahlen müsste, dann würden die Preise steigen und man hat noch weniger Absatzchancen.

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Vortrag im Weltladen
Vortrag im Weltladen Gerberau

Es macht also einen Unterschied, ob ich meine fair gehandelte Schokolade bei euch oder im normalen Supermark kaufe.

Das macht auf jeden Fall einen Unterschied. Nicht nur wegen den Mitarbeitenden. Im normalen Supermarkt gibt es oft dieses Fairtrade-Siegel von TransFair, das die meisten kennen. TransFair ist eine Siegelorganisation in Deutschland und zertifiziert einzelne Produkte. Das heißt, es gibt Firmen, die sich eine einzelne Bananenplantage zertifizieren lassen. Diese Bananenplantage erfüllt die Fairtrade-Standards, aber sie ist nur ein Komponent in der Firma. Die restlichen Plantagen der Firma werden konventionell bewirtschaftet. Der Weltladen arbeitet nur mit Unternehmen zusammen, die ausschließlich fair handeln. Das ist ein großer Unterschied. Es gibt natürlich auch Firmen, die von TransFair zertifiziert sind und ausschließlich fair handeln, aber da muss man im einzelnen genau hinschauen.
Der zweite Unterschied zwischen dem Einkauf bei uns und dem im Supermarkt ist die Verwendung des Gewinn. Wenn man etwas im Supermarkt einkauft, dann macht der Einzelhandel den Gewinn. Bei uns werden die Gewinne des Weltladens am Ende des Jahres an den Trägerverein ausgeschüttet. Letztes Jahr waren das z.B. um die 20.000 Euro. Dann wird auf der Mitgliederversammlung entschieden, was mit diesem Geld gemacht wird.

Das Geld wird in Projekte im globalen Süden meist von unseren Handelspartnern gesteckt. Das heißt, wir fördern die Projekte indem wir ihre Produkte abnehmen und sie nochmal durch die Gewinne des Weltladens unterstützen.

Der Trägerverein ist das Süd-Nord Forum. Seit fünf bis sechs Jahren gibt es die Weltladen Gerberau GmbH, weil der wirtschaftliche Teil vom Verein getrennt werden musste. Der alleinige Gesellschafter der GmbH ist das Süd-Nord Forum, das heißt alle Gewinne gehen an das Süd-Nord Forum.

Es gibt ja auch verschiedene Siegel und Kennzeichnungen, zum Beispiel Hand in Hand von Rapunzel oder das UTZ Siegel? Gibt es da Unterschiede?

Da gibt es große Unterschiede. Das UTZ-Siegel ist oft sehr in der Kritik genauso wie das TransFair-Siegel. Wir haben auch Produkte mit TransFair-Siegel und wir finden die Entwicklung gut, dass der faire Handel damit auch im konventionellen Markt ankommt.

Letztendlich ist die Fairhandelsbewegung angetreten, um sich selbst überflüssig zu machen. Daher ist es natürlich schön, wenn mehr fair gehandelte Produkte in die Supermärkte kommen. Leider ist der Standard nicht so hoch wie beispielsweise bei den großen Fairhandelspartnern GEPA, El Puente oder DWP, die sehr viel höhere Standards haben.

[DWP steht für Dritte Welt Partner und wurde in Weltpartner umbenannt, Anm. der Redaktion]

Es gibt den Weltladen-Dachverband. Die haben einen Lieferantenkatalog, über den die Weltläden beziehen, die im Dachverband Mitglied sind. Vom Weltladen-Dachverband wird garantiert, dass die Lieferanten alle nochmal kontrolliert wurden. Die meisten Lieferanten davon sind Mitglied in der World Fair Trade Organisation.

Es gibt etwa 800 in Weltläden in Deutschland, von denen circa die Hälfte im Weltladen-Dachverband Mitglied ist. Die anderen, die nicht Mitglied sind, halten sich im Normalfall auch an die Konventionen des Weltladen-Dachverbands, sind aber natürlich nicht dazu verpflichtet.

Was verstehst du unter fairtrade auf die Produkte bezogen, die bei euch im Weltladen sind?

Da muss man auch jedes einzelne Produkt anschauen. Ich spreche ungern von fairtrade, ich spreche lieber vom fairem Handel, weil fairtrade einfach oft mit diesem Fairtrade-Siegel in Verbindung gebracht wird.

Fairer Handel soll bedeuten, dass man auf Augenhöhe miteinander kommuniziert.

Es gibt die zehn Kriterien des fairen Handels, an die sich die Weltläden halten. Ein wichtiger Punkt ist auf Augenhöhe mit den Produzenten zu sein. Das heißt nicht, dass eine Firma bei uns vorschreibt, unter welchen Bedingungen wir Produkte importieren. So läuft das im Normalfall bei konventionellen Importfirmen. Die Preise und Bedingungen werden vorgegeben. Die Fairhandels-Importfirmen dagegen schauen, dass es für alle passt. Sie setzten sich mit den Kleinbauern an einen Tisch und gründen vor Ort Kooperativen .
Dann geht es bei fairem Handel darum, dass faire Preise gezahlt werden. Da kann man die Frage stellen: Was ist letztendlich fair? Es sind Preise, die deutlich über dem Weltmarktpreis liegen. Natürlich haben die Menschen im globalen Süden andere Gehälter als hier bei uns, weil die Lebenshaltungskosten anders sind. Wichtig ist, dass die Löhne existenzsichernd sind, auch damit die Arbeitenden ihre Kinder zur Schule schicken können und die Kinder nicht mitarbeiten müssen. Man achtet zunehmend darauf, dass die Menschen sich selbst versorgen können. Ein einfaches Beispiel: Auf einer Bananenplantage wird nicht nur Monokultur betrieben, sondern die Kleinbauern bauen dort auch ihre eigenen Lebensmittel an. Sie werden also unabhängig vom Markt. Weiterhin soll gewährleistet sein, dass sie die Produkte auch auf dem einheimischen Markt verkaufen können. So sind sie unabhängiger von den Weltmarktpreisen und deren Schwankungen. Gerade in einer Krise wie jetzt sieht man, wie wichtig das ist. Es kommen keine Anfragen mehr aus unseren Ländern und viele Menschen sind total abhängig vom Weltmarkt.

Bei den fair gehandelten Produkten in unserem Laden, geht es nicht nur darum, dass 10 cent pro Stunde mehr an die Arbeitenden gezahlt wird. Es geht auch darum, den Leuten eine Perspektive zu geben.

Man geht in eine Region und nimmt dort alle Kleinbauern mit ins Boot. Man unterstützt die Menschen Gewerkschaften zu bilden oder im Kaffeeanbau zum Beispiel eine eigene Rösterei aufzubauen, wodurch mehr Wertschöpfung im Land bleibt. Man plant für die Zukunft. Man schafft neue Infrastruktur auch für medizinische Versorgung. Man setzt einen Teil der Fairhandels-Prämie dafür ein, um sanitäre Anlagen vor Ort zu bauen und Schulbildung zu gewährleisten. Man investiert in die Zukunft der Handelspartner.

Bekommt ihr solche Geschichten auch mit? Wie läuft euer Kontakt zu den Handelspartnern?

Das ist auch ganz unterschiedlich. Der Kontakt läuft zum Beispiel über die großen Handelsimporteure, die vor Ort sind. Viele Infos werden übers Internet verbreitet. Auf den Internetpräsenzen von El Puente und GEPA gibt es sehr viele Infos darüber, wie es voran geht.

Außerdem gibt es Lieferantenbesuche, die von den großen Handelspartnern organisiert werden. Wir hatten zum Beispiel ein Projekt aus Palästina. Vor zwei Jahren waren zwei Frauen aus diesem Projekt in Deutschland und haben berichtet, was sich geändert hat seit sie in der Kooperative sind und im fairen Handel mitarbeiten. Eine Arbeiterin hat erzählt, dass zwei ihrer Kinder jetzt studieren, was vorher nicht denkbar gewesen wäre.

Dann haben wir aber auch Projekte, die über Jahre gewachsen sind, wie der Freiburger Wiwili Stadtkaffee aus Nicaragua. Wiwili ist die Partnerstadt von Freiburg in Nicaragua. Es gibt die Wiwili-Gruppe, die diese Kaffee-Kooperation mit aufgebaut hat. Menschen aus der Gruppen engagieren sich auch bei uns im Laden. Einige davon sind immer wieder vor Ort in Nicaragua, reden dort mit den Leuten, unterhalten direkte Kontakte. Solche Projekte sind allerdings eher die Ausnahme, denn wir können natürlich nicht zu allen Produktpartnern regelmäßig Kontakt halten. Wir sind darauf angewiesen, dass die großen Fairhandelsorganisationen das abdecken.

Ich stelle mir vor, dass diese Direktkontakte sehr motivierend sind. Was motiviert dich im Weltladen zu arbeiten?

Ich wollte auf jeden Fall irgendwas Nachhaltiges machen. Ich wollte irgendwo einen Einfluss auf die Welt nehmen. Die Motivation im Weltladen zu arbeiten ziehe ich, wie du sagst, gerade aus den Direktkontakten. In den fünf Jahren, in denen ich jetzt da bin, hatte ich mit mehreren Menschen zu tun, die direkt aus den Projekten kommen, und ich finde, das sind die tollsten Veranstaltungen, die wir haben. Letztes Jahr hatten wir Menschen aus Nicaragua vom Freiburger Stadtkaffee zu Besuch. Die Freiburger Menschen, die die Veranstaltung besucht haben, waren begeistert, das mitzuerleben. Es ist toll zu sehen, dass man bei Menschen im globalen Süden wirklich aktiv was verändern kann. Auch wenn die Veränderungen teilweise nur aus kleinen Schritten bestehen, denn es sind natürlich nur wenige Kleinbauern, die in den Fairhandelsprojekten ihren Absatz finden. Dennoch macht es für den einzelnen Menschen tatsächlich einen Unterschied.

Wenn du in die Zukunft schaust: wie könnten denn Produktions- und Handelsbedingungen in der Zukunft idealerweise aussehen? Was denkst du könnte das für Freiburg bedeuten?

Der faire Handel macht es vor, wie es aussehen könnte, indem er auf Augenhöhe mit den Menschen arbeitet.

In Freiburg gibt es kauFRausch, eine Initiative, die konsumkritische Stadtführungen anbietet. Ich war mal bei einer Stadtführung dabei. Es ging unter anderem um fair gehandelte Turnschuhe. kauFRausch hat einen tollen Ansatz angewendet. Die Teilnehmenden der Stadtführung sollen 100 Euro, die der Turnschuh im Laden kostet, auf verschiedene Stationen vom Rohstoff zum fertigen Produkt im Laden verteilen. Die Frage ist, wer wieviel vom Preis bekommt, den der Turnschuh im Laden kostet. Bei dem Spiel sieht man klar, dass der Einzelhandel das meiste bekommt. Auch der Weltladen bezahlt Miete und Nebenkosten, die wir auf unsere Produkte aufschlagen müssen. Je nach Produkt sind das zwischen 40 und 50 Prozent des Verkaufspreises, die beim Einzelhandel bleiben. Dann verdient die Marke und es fließt Geld in die Entwicklung des Produkts. Dann verdient die Produktionsstätte und als letztes die Näherinnen. Die Näherinnen kriegen bei einem 100 Euro Turnschuh vielleicht ungefähr 6 Cent, also wirklich wenig. Die Näherinnen brauchen nicht einmal einen Euro pro Turnschuh, um ihre Grundbedürfnisse abzudecken, sondern sie brauchen 3-4 cent mehr pro Turnschuh. Es fehlen Minimalbeträge. Natürlich ist das trotzdem noch weit entfernt von einem wirklich fairen Handel.

Ein wirklich fairer Handel bestünde, wenn die Leute sich den gleichen Standard leisten können, den wir uns leisten. Ob das in einer endlichen Welt für alle möglich ist, das ist eine andere Frage. Zumindest wäre es mal ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die Arbeiterinnen zumindest ihre Grundbedürfnisse erfüllt hätten.

Das bedeutet, dass sie sich ein Dach über dem Kopf leisten können, genug zu Essen haben, sich medizinische Versorgung leisten können und Rücklagen bilden können für eine Krise wie wir sie jetzt haben. Bei uns in Deutschland ist es so, dass die Menschen, die jetzt arbeitslos werden, vom sozialen Netz abgefangen werden. Sie bekommen Arbeitslosengeld oder haben teilweise auch Rücklagen. Bei den Produzierenden von uns oder überhaupt im globalen Süden ist das meist nicht so. Die Arbeitenden haben zu wenig verdient, um sich Rücklagen aufbauen zu können und stehen jetzt vor dem Nichts.

Im Moment gibt es eine europaweite Kampagne zum Lieferkettengesetz mit vielen Akteuren wie dem Weltladendachverband, Brot für die Welt etc. In diesem Rahmen gab es auch eine große Aktion zum Weltladentag am 9. Mai. Wir vom Weltladen haben auch Unterschriften gesammelt. Man kann immer noch bei uns im Laden oder auf der Webseite Lieferkettengesetz.de unterschreiben.

Da geht es darum von der Regierung zu fordern, dass die Produzenten hier in Deutschland durch ein Lieferkettengesetz für den Anfang der Lieferkette mitverantwortlich gemacht werden.

Im fairen Handel ist das bereits so, aber im konventionellen Handel wird oft gesagt, dass man da keinen Einfluss auf die Zulieferer hat. Da machen die Firmen sich es aber zu einfach.

Es geht hauptsächlich darum auf politischer Ebene ein Gesetz zu schaffen, das verpflichtende soziale Standards und Umweltstandards durchsetzt und Regenwaldabholzung, Kinderarbeit usw. verhindert. Momentan ist unsere Rechtslage so, dass die Firmen sagen können, dass sie nicht für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer verantwortlich sind. Wir halten uns in Deutschland an die geltenden Menschenrechte und Umweltstandards, aber bei den Zulieferern gelten die nicht.

Es gibt solche Gesetz wie das geforderte Lieferkettengesetz schon in anderen Ländern, aber in Deutschland noch nicht. Natürlich kriegt man nicht alle Standards durch, die die Initiative Lieferkettengesetz fordert, aber das könnte dann Stück für Stück passieren. Da ist vor allem auch das Bewusstsein der Menschen gefragt. Wenn sich immer mehr Menschen dafür einsetzen, solche Betriebe nicht mehr zu unterstützen, die ausbeuterische Kinderarbeit oder Umweltzerstörung vorantreiben, dann wird sich etwas ändern. Es herrscht viel Nichtwissen und Desinteresse, weil die Menschen auch gar keine Zeit haben, sich mit den Themen auseinander zu setzten. Mir ging es früher ähnlich. Da sehe ich die Politik in der Pflicht, denn wir klauen uns gerade unsere Lebensgrundlage.

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Weltladen Gerberau
Aktion zum Lieferkettengesetz vor dem Weltladen Gerberau

Wie ist die Lage bei den Produzierenden durch Corona und gibt es Lösungsansätze die Situation zu überbrücken?

El Puente, GEPA und andere Akteure sind bemüht, mit den einzelnen Produktpartnern zu sprechen. Sie veröffentlichen auf ihren Webseiten, was da gerade so abläuft. Zum Beispiel ist der Kakaopreis seit der Coronakrise um 30 Prozent gesunken. Man kann sich ausmalen, was das heißt. Im fairen Handel gibt es eine Preisgarantie, aber das Problem in vielen Ländern ist gerade, dass die Grenzen dicht sind. Das bedeutet, dass es produzierte Waren vor Ort gibt, die aber nicht ausgeliefert werden können. Da versuchen die Fairhandelsfirmen gerade etwas abzufangen, aber das hängt ja mit allem zusammen. Wenn der Absatz in den Weltläden stagniert, können die Weltläden nicht nachbestellen, weil sie es nicht verkaufen können. Dann hat die Fairhandelsfirma kein Geld und kann die Arbeitenden über kurz oder lang nicht mehr bezahlen. Teilweise werden Essensspenden ausgegeben, damit die Grundbedürfnisse befriedigt werden, weil viele Fabriken momentan geschlossen sind und niemand mehr zur Arbeit kann. Es ist schwer die Lage momentan zu überbrücken. Es gibt einzelne Projekt, die daran arbeiten, an die Menschen heranzukommen und ihnen zu helfen. Wir kriegen Waren für den Weltladen, aber wir merken, dass es schwierig ist, die Ware aus den Ländern hierher zu bringen. Die Fairhandelspartner rufen auch zu Spenden auf. Ich glaube es werden noch viele Folgeerscheinungen auf uns und auch auf die Produzenten im globalen Süden zukommen.

Was kann ich persönlich tun, um die Lage zu verbessern?

Fair gehandelte Produkte kaufen ist jetzt noch mehr gefragt als sonst. Wenn die ganzen Existenzen der Menschen im globalen Süden wegbrechen, stellt sich die Frage, wie es nach der Krise weitergeht. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft etwas mehr Geld ausgeben und den Menschen dort ein anständiges Leben und eine anständige Absicherung garantieren. Dann können wir alle auch besser zusammenarbeiten. Dann sind auch die Lieferketten nicht mehr so gefährdet. Die Initiative Lieferkettengesetz macht darauf aufmerksam, dass man in der Krise sieht, was an den Lieferketten alles dranhängt. In Deutschland zum Beispiel haben wir bei hohem Lebensstandard nur wenige Todesfälle während der Pandemie. Das liegt am Gesundheitssystem und daran, dass wir es uns leisten können im Homeoffice zu arbeiten. In anderen Ländern ist das nicht möglich. Dort sitzen Arbeiterinnen dicht an dicht in der Fabrik, um für uns Kleidung zu nähen. Wenn die Standards dort besser wären, könnte man ganz anders auf die Krise reagieren.

Einerseits kann man also persönlich sein Konsumverhalten ändern und andererseits kann man selbst aktiv werden. Das beginnt bereits in kleinem Maße, indem ich die Lieferkettenpetition unterschreibe. Ich kann das mit meinen Freunden in sozialen Netzwerken teilen. Ich kann meine Lieblingsschokolade, wenn die nicht fair ist, einfach mal anschreiben und fragen, warum die keinen fairen Kakao verwenden.

Oder ich frage mein Lieblingscafé, ob sie fairen Kaffee im Laden haben. Wenn Cafés in Freiburg plötzlich vermehrt Anfragen bekommen, ob der Kaffee fair ist und die Kunden dorthin gehen, wo der Kaffee fair ist, dann ändert sich die Nachfrage. Dann kaufen die Cafés anders ein und dann ändert sich die Nachfrage auf dem Weltmarkt. Da hat jeder einzelne auch Macht durch seinen Geldbeutel.

Denkst du Freiburg als Stadt hat da auch noch Handlungsmöglichkeiten? Was müsst da noch getan werden, um den fairen Handel voran zu bringen?

Ich glaube in Freiburg sind wir schon in einer ziemlich guten Ausgangsposition. Es gibt eine runden Tisch, der vom Nachhaltigkeitsbüro der Stadt mit angestoßen wurde. Da sitzen zum Beispiel die verschiedenen Weltläden mit dran sowie die evangelische Hochschule, die auch faire Hochschule ist. Freiburg ist Fairtradetown. Das verpflichtet die Stadtverwaltung dazu, fairen Kaffee in den Gemeinderatssitzungen zu trinken. Aber natürlich ist da noch Luft nach oben. Ich finde der faire Handel wirkt sich auf alles aus, auch auf Umweltstandards, aber es ist halt ein kleiner Baustein. Es ist auch da die Zivilgesellschaft gefragt: Wen wähle ich in den Gemeinderat? Wer steht für welche Interessen? Es gibt auch Haushaltsentscheidungen, wo Bürger mitentscheiden dürfen.

Gibt es noch etwas, das du an dieser Stelle gerne hinzufügen würdest?

Ich kann nochmal zusammenfassend sagen, was wichtig in der Weltladenarbeit ist.

Die Weltladenarbeit stützt sich auf drei Säulen. Zum einen ist das der Verkauf fair gehandelter Produkte. Das wird von den meisten Menschen wahrnehmen. Und die zwei anderen Säulen sind politische Arbeit und Bildungsarbeit. Das ist uns wichtig, dass das auch gesehen wird.

Da passiert ziemlich viel, derzeit in der politischen Arbeit zur Kampagne Lieferkettengesetz. Wenn Corona nicht dazwischen gekommen wäre, hätten wir mehr Straßenaktionen gemacht. Sonst sind wir auf dem Agrikulturfestival oder auf verschiedenen Stadtfesten, mit Ständen vertreten und klären über solche Kampagnen auf. Das ist ein wichtiger Punkt der Arbeit.

Für die Bildungsarbeit haben wir eine bezahlte Stelle und ein Team von Ehrenamtlichen, das mitarbeitet. Teilweise gehen wir an die Schulen oder veranstalten Bildungszirkel bei uns im Weltladen, zu denen 2-3 Schulklassen im Monat kommen. Je nach Altersstufen werden die Themen angepasst.

Die Weltladenbewegung ist eigentlich dafür angetreten, sich selbst überflüssig zu machen. Wenn es überall fair gehandelte Produkte gibt, braucht es keinen Weltladen.

 

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Osteraktion zum Lieferkettengesetz vor dem Weltladen Gerberau
Osterhasen demonstrieren zum Lieferkettengesetz vor dem Weltladen Gerberau

 

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Fotos: Weltladen Gerberau

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