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Autor
Leonie

Energieversorgung Dietenbach: Hintergründe und Entscheidungsprozess

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Zusammenfassung

Wie lief das bisherige Enscheidungsverfahren zum Energiekonzept Dietenbach ab? Eine Chronologie (Stand: 19.11.2021).

Haupt-Inhaltsfeld

Was ist das Besondere am Energiekonzept für Dietenbach?

Ein Stadtteil-Energiekonzept stellt dar, wie dieser Stadtteil mit Energie versorgt werden soll. Der geplante Stadtteil Dietenbach soll eine klimaneutrale Energieversorgung bekommen. Das bedeutet, es werden netto keine CO2-Emissionen für Wärme und Strom ausgestoßen. Ergänzt wird das Energiekonzept durch ein klimafreundliches Mobilitätskonzept.

Das vom Gemeinderat beschlossene Konzept basiert auf folgenden Säulen:

1. Solarstrom: Fast alle Dächer sollen mit Photovoltaikanlagen ausgestattet werden, sowie ein Teil der Fassaden und eine Lärmschutzwand.

2. Zentrale Nahwärme: Es gibt eine Nahwärmeversorgung mit einem sogenannten heißem Nahwärmenetz und zentralen Wärmepumpen, die Wärmequellen wie Abwasser, Grundwasser sowie die Abwärme einer Wasserstoffherstellung nutzen, um Heizwärme herzustellen. Für den Betrieb benötigen die Wärmepumpen Strom aus dem Netz.

3. Wasserstoff: Die Herstellung von Wasserstoff soll überschüssigen Sonnen- und Windstrom verwenden und für Mobilität und Industrie nutzbar machen. Der Strom hierfür muss aus dem Netz bezogen werden.

 

Wie lief die Auswahl des Konzepts?

Der Wettbewerb

Im Jahr 2015 hat die Stadtverwaltung einen Testentwurf inklusive einem Gutachten zu Klimaschutz erstellt. Im Anschluss daran hat sie einen städtebaulichen Wettbewerb durchgeführt. Es wurden insgesamt 28 Planungsentwürfe für den neuen Stadtteil eingereicht. Aus diesen eingereichten Entwürfen wurden vier ausgewählt, die in der nächsten Wettbewerbsrunde ihre Energiekonzepte für den Stadtteil vorlegten. Neben dem Energiekonzept enthält ein solcher Entwurf auch die Ideen hinsichtlich Städtebau, Landschaftsplanung und Mobilität im neuen Quartier. Es sind also nicht nur Energieplanende, sondern ein ganzes Team von Planenden an einem Entwurf beteiligt, der dann als Gesamtpaket ausgewählt wird. Gewonnen hat das Architektenbüro K9 mit einem Energiekonzept von endura kommunal in Zusammenarbeit mit den Büros Stahl + Weiß, envenion und ageff.

Neues Konzept nach neuen Kriterien

Von diesem Konzeptentwurf zum endgültigen Plan der Energieversorgung hat die Stadtverwaltung eine „Konkretisierung“ des Konzepts veranlasst: Sie hat aus nicht genannten Gründen drei neue Varianten durch die EGS-plan entwickeln lassen. Stadtverwaltung und Planungsbüro haben dann Kriterien definiert, anhand derer sie die drei neuen Varianten und den Siegerentwurf bewertet haben. Nach diesen Kriterien hat nicht der Siegerentwurf, sondern eine der neu entwickelten Varianten am besten abgeschnitten. Die Stadtverwaltung hat diese Variante 4 „KliEn“ („klimaneutral und energiewendedienlich“) getauft. Dieser Stadtverwaltungsfavorit unterscheidet sich deutlich vom ursprünglichen Siegerentwurf. So war im Siegerentwurf ein kaltes Nahwärmenetz geplant, bei dem dezentrale Wärmepumpen gleichzeitig Brauchwasser erwärmen und andere Gebäude kühlen würden.

Der Antrag von Fraktionen

Die Fraktionen haben die oben genannte Kritik am Konzept aufgegriffen und stellten in Vorbereitung auf die Gemeinderatssitzung im Juli einen Antrag, der wichtige Fragen für eine Debatte stellte.

Der Beschluss

Laut Stadtverwaltung musste der Beschluss für das von der Stadtverwaltung favorisierte Energiekonzept sofort umgesetzt werden, da sonst zeitliche Verzögerungen und Kosten drohen. Der Gemeinderat beschloss also in der Sitzung vom 27.Juli 2021 ohne Beantwortung der Fragen und damit ohne Grundlage für eine inhaltliche Debatte die Ausschreibung für die von der Stadtverwaltung empfohlene Variante einzuleiten. Außerdem soll die Verwaltung dem Gemeinderat im Herbst berichten über: „Ausschreibung, rechtliche Sicherung der Energieversorgung, die Auswirkungen auf Miete und Nebenkosten und die Möglichkeiten, die Gebäude in den Sommermonaten zu kühlen“. Mithilfe dieser Informationen wird der Gemeinderat dann eine „Entscheidung zu den Kriterien der Vergabeentscheidung und zur Dauer des Wärmeliefervertrages/der Konzession“ treffen.

 

Die Fragen der Fraktionen

Es sollen vor allem folgende Fragen beantwortet werden

  1. „Wie wird sichergestellt, dass der Stromverbrauch für die Elektrolyse von Wasserstoff aus regenerativen Energien gewonnen ist?

  2. Wie wird die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems und seiner einzelnen Elemente, insbesondere der Wasserstoff-Elektrolyse sichergestellt?

  3. Wie wird sichergestellt, dass die Dietenbacher_innen über die Nebenkosten nicht für Elemente bezahlen, die der Gesamtstadt zugutekommen?

  4. Welche Möglichkeiten bestehen, über das Preissystem Anreize für sparsamen Verbrauch zu schaffen?

  5. Können auch dezentrale Versorgungssysteme realisiert werden?“

(aus dem Gemeinderatsbeschluss vom 27.07.21)

Die Kritik des Expertenkreises

1. „Effizienzstandard KfW 55 zu wenig ambitioniert.“

Die Stadt Freiburg schreibt vor, dass die Häuser in Dietenbach mindestens den Freiburger Effizienzstandard 55 (entspricht praktisch dem KfW 55 Energiestandard für Wohngebäude) erfüllen müssen. Dieser Standard ist bereits Marktstandard und keinesfalls mehr innovativ oder fortschrittlich, so die Kritik. Mit einem höheren Standard (KfW 40 plus Wärmerückgewinnung) könnte der Heizwärmeverbrauch um rund 50 % reduziert werden.

 

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Hintergrundinfos:

Der Effizienzstandard KfW 55 schreibt vor, dass das Gebäude maximal 55% der Energie im Betrieb verbrauchen darf wie das selbe Gebäude, das nach gesetzlichem Mindeststandard von 2009 erbaut würde. Bei KfW 40 sind es dementsprechend 40%. Es ist möglich noch wesentlich effizienter zu bauen beispielsweise durch Plus-Energiehäuser. Das neue Rathaus im Stühlinger beispielsweise produziert unterm Strich mehr Energie „als es für Heizen, Kühlen, Lüften und Beleuchten“ benötigt.

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2. „Zentrale Nahwärmeversorgung nicht effizient genug.“

Die von der Stadt präferierte Wärmeversorgung mit zentralen Wärmepumpen braucht schätzungsweise 100% mehr Strom im Vergleich zu einer Nahwärmeversorgung mit dezentralen Wärmepumpen in den Gebäuden.

 

3. „Energiebedarf für Kühlung ist nicht einberechnet.“

Beim Stadtverwaltungsfavorit kann das Grundwasser nicht (im Gegensatz zum Siegerentwurf des Wettbewerbs) zur passiven Kühlung verwendet werden. Der Grund dafür: Das Grundwasser wird zentral gesammelt und zur Energiezentrale geführt, damit das heiße Nahwärmeenergienetz versorgt werden kann. Da durch die Klimakrise Freiburg eine der wärmsten Regionen in Deutschland ist und bleibt, wird dem Energiekonzept vorgeworfen, dass die Bauherren extrem teure Zusatzkosten für die Kühlung schultern müssen. Bei einem kalten Wärmenetz werde die Kühlung hingegen kostenfrei gleich mit dabei.

 

4. „Gebäude selbst werden nicht klimaneutral versorgt.“

Beim Stadtverwaltungsfavorit wird der Wärmebedarf zwar komplett aus lokalen Wärmequellen bzw. Abwärme gedeckt, aber der Strombedarf kann nur zu 77% durch die lokale Erzeugung gedeckt werden. Das Ziel der Klimaneutralität wird in diesem Szenario also nur dadurch erreicht, dass der erzeugte Wasserstoff fälschlicherweise als „grüner“ Wasserstoff deklariert wird und damit eine hohe CO2-Gutschrift erhält. Somit würden die Gebäude selbst nicht klimaneutral mit regenerativer Energie aus dem Stadtteil versorgt werden, denn diese benötigen noch Strom aus dem Netz.

 

5. „Wasserstoff: klimaschädlich, unrentabel und riskant.“

 

Dietenbach sei ungeeignet für die Herstellung von Wasserstoff. Es seien weder leistungsstarke Anschlüsse ans öffentliche Stromnetz vorhanden, noch die erforderlichen Überschüsse an regenerativer Energie, die für eine Produktion von grünem Wasserstoff notwendig seien.

Zudem seien die angesetzten Preise für Grünstrom unrealistisch niedrig. Realistische Preise für Grünstrom würden zu erheblich höheren Kosten für die Menschen in Dietenbach führen, weil die Wasserstoffproduktion über die Grundgebühren der Verbrauchenden mitfinanziert wird.

 

6. „Das zentrale Versorgungsmonopol ist teuer und macht sparsames Bauen und Bürgerenergie kaputt.“

Für die Umsetzung des Energiekonzepts sind hohe Investitionskosten notwendig, der Betrieb muss europaweit ausgeschrieben werden. Diese Kosten können nur durch einen Anschluss- und Benutzungszwang gedeckt werden. Die hohen Kosten werden damit zwangsweise auf die Dietenbacher Bewohnerschaft verteilt. Durch hohe Grundgebühren lohnen sich keine Gebäude mit höheren Dämmstandards, die wenig Energie verbrauchen. Eigene Versorgungsmöglichkeiten werden nur für 5 % der Fläche eines Bauabschnitts erlaubt. Für alle anderen sind sie untersagt. Damit wird die aktive Beteiligung von Bürgerinnen an der Energieversorgung (durch Bürgergenossenschaften etc.) unmöglich gemacht.

 

7. „Keine Bauliche Klimaneutralität.“

Die Graue Energie, also die Energie, die zum Bau der Gebäude benötigt wird, ist bei der Betrachtung der Klimaneutralität des Stadtteils nicht berücksichtigt.

Wer hat kritisiert?

fesa e.V., Rolf Disch, solargeno, Solares Bauen, schäffler sinnogy, Bauverein Wem gehört die Stadt?, Esche, Planungsbeirat der Architektenkammer, sowie weitere Energie- und Planungsbüros

Was sagen andere?

Effizienzstandard

Man hätte den Effizienzstandard nicht höher gesetzt, damit es bezahlbar bleibt. So wird Umweltbürgermeisterin Frau Buchheit von der BZ zitiert.

 

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Hintergrundinfos:

Im letzten Jahr hat die StadtWandler-Redaktion von Sozialwohnungen in Passivbauweise berichtet, die im französischen St. Dié stehen. Zudem haben wir über das Wohnprojekt Allmende in Gundelfingen berichtet, dass sozialen und sehr ökologischen Wohnungsbau Hand in Hand umsetzen will.

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Wasserstoff

Joachim Nitsch, Experte für Wasserstoff sagt: Die Wasserstoffherstellung mache nur Sinn, wenn der Strom aus Erneuerbaren Energien gewonnen würde. Wenn also sichergestellt ist, dass der Strombezug rein erneuerbar ist, sei gegen das Gesamtkonzept aus seiner Sicht nichts einzuwenden.

Zum Kostenrisiko sagt er: Dass unklar ist, wie teuer Wasserstoff in Zukunft ist, sei aus seiner Sicht kein gutes Argument. Es müssten andere Kostenrechnungen gemacht werden, wenn wir unsere Art Energie zu erzeugen und zu wirtschaften klimaneutral umgestalten wollen.

 

Kühlung

Beim Stadtverwaltungsfavorit sind sowohl passive Maßnahmen einberechnet als auch dezentrale Versorgungsansätze. Was heißt das? Zum einen sollen die Außenräume so gestaltet werden, dass sie den Stadtteil möglichst kühl halten. Das bedeutet zum Beispiel, dass viele Bäume gepflanzt werden, die im Sommer Schatten spenden. Zum anderen soll eine bauliche Kühlung erfolgen, indem die Architektur der Gebäude möglichst so ausgestaltet wird, dass die Gebäude im Sommer kühl bleiben (Verschattungselemente, nächtliches Lüften ermöglichen etc.).

Als dezentraler Versorgungsansatz besteht die Möglichkeit Kompressionskältemaschinen an die Häuser anzubringen, die mit Strom aus den hauseigenen Solaranlagen betrieben werden können. Im Energiekonzept schätzt man derzeit, dass 1/3 der Gebäude mit solchen Anlagen ausgestattet werden.

Hier könnte es allerdings Zielkonflikte geben: Man kann nicht gleichzeitig die Fassaden beschatten, begrünen und Photovoltaikanlagen dort anbringen.

 

Handlungsmöglichkeiten für eigene Wärmeversorgung

Um den Bauprojekten Handlungsspielraum bei der Wärmeversorgung zu ermöglichen, soll es eine Art Öffnungsklausel geben. Durch diese Öffnungsklausel sollen Bauprojekte auf 5% der Baufläche die Möglichkeit bekommen, die zentrale Wärmeversorgung nicht nutzen zu müssen und ihr eigenes dezentrales Konzept zur Wärmeversorgung zu realisieren.

 

Kommentar

Wir halten fest: Wie das nachhaltigste Energiekonzept für Dietenbach aussieht, darüber lässt sich streiten. Zentral oder dezentral? Inwiefern wird eine Mitgestaltung für die zukünftigen Bewohnenden möglich gemacht? Wollen wir eine aktive Kühlung für alle durchs Grundwasser oder soll sich jede in Eigenregie ihre Klimaanlage an die Fassade schrauben? Wie schätzen wir die Entwicklungen zu Wasserstoff in den nächsten 20 Jahren ein? Welche Kostenrisiken sind wir bereit zu tragen? Wieviel Spielraum für Innovation und Weiterentwicklung überlassen wir dem Stadtteil? Inwiefern wollen wir Low Tech Ansätze, Suffizienz und Bürgerenergie mitdenken?

 

Wie transparent sind die Entscheidungsprozesse?

 

Bei der Recherche für diesen Artikel haben wir uns als Redaktion gefragt: Wie kommt es eigentlich dazu, dass es so schwierig ist, Klarheit über den Prozess zu bekommen? Warum wird ein Wettbewerb nach bestimmten Kriterien ausgeschrieben, wenn die Stadtverwaltung danach ein neues Konzept nach neuen Kriterien erstellen lässt? Warum kann die Stadtverwaltung eine Beschlussvorlage an den Gemeinderat mit einer Studie begründen, die sie unter Verschluss hält? Und warum hat der Gemeinderat ohne Grundlage für eine Debatte das Energiekonzept beschlossen? Lag es an der „Es gibt keine Alternative“-Rede der Stadtverwaltung? Warum schreibt man einen Wettbewerb fürs beste Konzept aus und entscheidet sich am Ende für etwas ganz anderes?

 

 

Quellen und Links:

 

Bild: Alphaspirit on Dreamstime

Zuletzt geändert
24.11.21, 11:39