Art des Artikels
Interview
Autor
Veronika

Klimaschutz? Ja, aber wer fängt an?

Zusammenfassung

Es gibt den menschengemachten Klimawandel. Und es gibt viele Lösungen wie man ihn bekämpfen kann. Warum geht es dann nicht richtig vorran?

Haupt-Inhaltsfeld

Diese Frage stellte auch Ilaria De Altin vom Umweltschutzamt Freiburg bei der Auftaktveranstaltung des Projekts „Unser Klimaquartier Waldsee“. „Wer ist verantwortlich und wer soll anfangen zu handeln, um das Klima zu schützen?“. Das Projekt des Umweltschutzamts Freiburg soll Handlungsansätze dafür ausprobieren. Hier werden Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützt, Waldsee klimafreundlicher zu gestalten. Bottom-Up werden innerhalb der nächsten zwei Jahre Klimaschutzprojekte von motivierten BürgerInnen geplant und umgesetzt. Die Stadtverwaltung unterstützt dabei und bietet ein Netzwerk, koordiniert Räumlichkeiten, Teambuilding und Fördermöglichkeiten.

Am 08. Oktober waren 45 motivierte FreiburgerInnen beim Multiplikatoren-Workshop. Sie haben Synergien entdeckt, sich vernetzt und erste Projektideen entwickelt. Zum Start des Projekts am 28.01.2021 sollen bereits konkrete Mit-Mach-Möglichkeiten für die Bürgerschaft angeboten werden.

Bild
Foto Workshop
Multiplikatoren-Workshop „Unser Klimaquartier Waldsee“
Ilaria De Altin und Dr. Klaus von Zahn bei der Eröffnung des Projekts.

 

Veronika von der StadtWandler-Redaktion hat die Leiterin des Projekts Ilaria De Altin interviewt.

Interview vom 12.10.20

Frau De Altin, was sind die Ziele des Projekts "Unser Klimaquartier Waldsee"?

Wir möchten in Waldsee in den zwei Jahren Projektlaufzeit so viele Klimaschutzmaßnahmen wie möglich mit der Bürgerschaft durchführen und diese begleiten. So dass Bürgerschaftsgruppen wie Vereine und Schulen Maßnahmen in Eigenregie durchführen. Durch die Analyse das Feedbacks der Teilnehmenden möchten wir schauen, welche Hindernisse es gibt, die ein klimafreundliches Verhalten erschweren. Und wir möchten Vorschläge dafür machen, wie Rahmenbedingungen so geändert werden, dass klimafreundliches Verhalten zur Normalität wird.

Wie ist die Idee dazu entstanden? Und warum in Waldsee?

2018/19 haben wir in einem Beteiligungsprozess, mit Unterstützung des Ökoinstitutes und des ifeu (Institut für Energie- und Umweltforschung) daran gearbeitet, das Klimaschutzkonzept der Stadt Freiburg zu aktualisieren. Das neue Klimaschutzkonzept ist Ende 2019 durch den Gemeinderat beschlossen worden. Eine der Leuchtturm-Aktionen darin war ein Klimaschutzquartier. Danach haben wir uns überlegt, wo wir mit so einem Leuchtturm-Projekt anfangen. Waldsee haben wir ausgewählt, weil es ein kleinerer Stadtteil ist, wo die Bausubstanz einigermaßen homogen ist. Das heißt, dass ein Großteil der Häuser in einem ähnlichen Zeitfenster gebaut wurden und die Eigentumsstrukturen ähnlich sind. Das macht es einfacher, die Zielgruppe zu identifizieren.

Außerdem gibt es in Waldsee viele aktive und engagierte Multiplikatoren. Das haben wir letzten Donnerstag gesehen, wo der Repräsentant des Bürgervereins gesprochen hat und viele Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen da waren. Alle waren sehr interessiert daran, sich irgendwie zu beteiligen. Das hatten wir gehofft.

Wenn dieses Pilotprojekt gut läuft, wollen Sie es dann auch in anderen Stadtteilen durchführen?

Ja, genau, also Gebiete oder Stadtteile, aber ganz genau ist das noch nicht entschieden. Wie so oft bei Pilotprojekten sieht man während des Projektes, wie es weitergeht. Aber sicher ist, dass es nicht nur bei den zwei Jahren als Test bleibt. Es wird übertragen werden.

Wird es weitere Unterstützung über das Projekt hinaus gehen? Oder sollen die einzelnen Projekte in den zwei Jahren Laufzeit abgeschlossen werden?

Es gibt Projekte, besonders wenn wir über die Sanierungsquote sprechen, wo zwei Jahre zu kurz sind. Und auch für größere Systemänderungen sind zwei Jahre zu kurz. Deswegen hoffen wir, dass wir viele kleinere Aktionen bis zum Ende durchführen können. Aber selbstverständlich möchten wir auch größere Sachen anfangen, die dann von den Gruppen allein weitergeführt werden.

Für entstehende Unkosten können Fördermittel beantragt werden. Was sind das für Fördermittel?

Das Projekt hat ein Budget. Wir haben Mittel, mit denen wir die engagierten Akteurinnen und Akteure im Stadtteil unterstützen können. Wir können damit aber nicht alle Kosten für alle möglichen Projekte decken. Deshalb werden wir zusätzlich nächstes Jahr einen Antrag auf Fördermittel stellen. Wir hoffen, dass wir dann ein zusätzliches Förderprogramm anbieten können, das durch den Klimaschutzfond der Stadt Freiburg finanziert ist. Das würde bedeuten, dass Bürgerinnen und Bürger oder kleine Vereine und Gruppen in Waldsee Fördermittel beantragen können, um ihre Idee dann in Eigenregie durchzuführen und das Geld selbst zu managen. Ob wir diese Fördermittel anbieten können, wissen wir erst nächstes Jahr, das hängt vom Gemeinderatsbeschluss ab.

Wie viel Zeit oder Arbeitskraft stecken Sie vom Umweltschutzamt in das Projekt?

Wir sind zu zweit. Meine Kollegin Anne-Kathrin Brand und ich. Zusammen ist es vielleicht ein bisschen mehr als eine Stelle, die nur für das Projekt ist. Manchmal kommen noch andere Kollegen mit dazu, am Donnerstagabend war ein anderer Kollege als Moderator dabei.

Hat die Stadtverwaltung selbst Projekte geplant, um das Quartier umweltfreundlicher zu gestalten, die parallel ablaufen?

Also es gibt kleinere Aktionen, die wir anbieten, und sobald genug Leute mitmachen wollen, werden diese Aktionen durchgeführt. Das sind zum Beispiel Kochkurse oder Do-it-yourself Workshops. Es sind immer ganz konkrete Aktionen, sodass man durch die gemeinsame Aktion das Know-how und die Informationen bekommt, und das Gelernte im Alltag benutzen kann. Dazu kommt ab April die Energiekarawane.

Um die Stadt klimafreundlicher zu gestalten, hätten Sie auch anders vorgehen können. Warum haben Sie sich für ein Bürgerbeteiligungsprojekt entschieden?

Es gibt nicht nur einen Weg hin zu einer klimafreundlicheren Stadt, sondern man muss viele Wege gehen. Das Projekt ist nicht die einzige Sache, die wir machen. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir denken, dass die Klimakrise zu groß ist für den Einzelnen. Es kann nur gehen, wenn eine kritische Masse an Menschen mit dabei ist, die akzeptieren, dass man den Klimaschutzweg gehen muss. Menschen, die diese Entscheidungen der Stadt unterstützen und dann auch tatsächlich mitmachen. Das Projekt "Unser Klimaquartier Waldsee" ist nicht die einzige Herangehensweise, aber damit versuchen wir die Kräfte, die es in der Gesellschaft gibt, zu mobilisieren und zu unterstützen. Bei der Veranstaltung am Donnerstag hat man gesehen, wie wichtig es für die Multiplikatoren ist, sich zu treffen und zu vernetzen. Jeder versucht etwas für mehr Klimaschutz zu tun, aber man hat immer das Gefühl, man ist allein. Sie alle sind in einem kleinen Stadtteil theoretisch Nachbarn und trotzdem ist es nicht so einfach und selbstverständlich, für mehr Klimaschutz zu kooperieren. Da wollen wir unsere Rolle als Netzwerkerin und Vermittlerin übernehmen. Damit diese Menschen auch zueinander finden.

Es waren Multiplikatoren aus der ganzen Stadt eingeladen, damit es mehr Mitstreiterinnen gibt und mehr Ideen verwirklicht werden können. Wir dachten, wenn alle zusammen sind, und nicht nur über Intentionen, sondern über konkrete Aktionen sprechen, dann kommen wir schneller ins "Tun", und durch das Tun spricht man auch über die politischen Ziele.

Sie hatten am Donnerstag in Ihrem Vortrag drei Stufen erwähnt, die es braucht, um ins Handeln zu kommen und die Lösungen umzusetzen, die es schon lange gibt. Das sind Verstehen, Verhalten und Verhältnisse. Verstehen, dass das Handeln im Alltag einen Einfluss auf das Klima hat. Das Verhalten ändern und Gewohnheiten in Frage stellen. Und die Verhältnisse, die sich allgemein ändern müssen, also Infrastruktur, Gesetze usw.

Wenn die Projekte zu Verständnis und Verhaltensänderungen führen, wie werden sich dann die Verhältnisse ändern und neue Rahmenbedingungen geschaffen, die für alle gültig sind?

Ganz genau darüber sprechen wir 2023. Was wir hoffen ist, dass von den engagierten Teilnehmenden Vorschläge kommen. Wir können aber nicht allen Vorschlägen für Änderungen der Rahmenbedingungen nachgehen. Manche Sachen kann man direkt in Waldsee ändern, andere aber muss man kommunal ändern oder es sind Zuständigkeiten des Landes oder des Bundes oder der EU. Deswegen werden vielleicht nur Forderungen formuliert, um zu zeigen, dass es nicht reicht, wenn Leuten ihr Verhalten ändern. Sondern, dass sich diese und jene Verhältnisse ändern müssen. Wir hoffen, dass diese Formulierungen, auch durch den Einsatz von Studierenden und der Unterstützung der Fakultät für Umwelt und natürliche Ressourcen, sehr spezifisch werden. Damit wir wissen, welche Änderungen genau notwendig sind, damit sich Leute zum Beispiel klimafreundlich ernähren oder ihre Mobilität besser gestalten können. Und wenn wir diese Forderungen für Änderungen der Rahmenbedingungen haben, dann kommt das als Bericht in den Gemeinderat. Und dann sehen wir, welche Dynamik diese Arbeit mit der Bürgerschaft nimmt. Es ist ein sehr mutiges Projekt, denn es kann auch sein, dass Kritik kommt. Und wir dachten, dass man jetzt auch Kritik laut hören muss. Sonst machen wir viele schöne Aktionen, von denen im normalen Alltag nichts ankommt. Und dann hat man nichts geändert.

Was glauben Sie, welche Rolle das Projekt für die ganze Region Freiburg spielen wird?

Da sprechen wir über Wünsche. Das Projekt hat ganz frisch angefangen. Mit einer der Gründe, warum wir Waldsee ausgewählt haben ist, dass es hier Sportvereine und Private Schule gibt, wo Leute auch von weiter her kommen und das Projekt dadurch potenziell auch für andere Stadtteile sichtbar wird oder für die ganze Region. Was wir hoffen ist, dass das Projekt in Waldsee einen starken Vorbild-Effekt hat, und dass vielleicht andere Stadtteile oder andere Vereine sagen "das wollen wir auch!". Wir hoffen, dass es in die Medien kommt, dass man darüber spricht, und dass so diskutiert wird, dass man sich diese Fragen auch in anderen Stadtteilen bald stellt.

Haben Sie zum Abschluss einen Appell an die LeserInnen?

Also, was ich mir wünsche ist, dass die vielen Leute, die seit langem denken, wir sollten doch mehr für Klimaschutz machen, durch so ein Projekt denken „Ja, jetzt bewege ich mich“. Ich wünsche mir, dass so viele Leute wie möglich zu positivem Handeln bewegt werden und dass positive Visionen für die Zukunft entstehen und nicht nur die Angst vor dem Klimawandel. Menschen können diese Gelegenheit nutzen, und dabei sogar mit Spaß rangehen. Aber dafür muss ich noch ein bisschen Geduld haben. Das passiert erst Anfang nächsten Jahres, wenn das Projekt wirklich los geht.

Und alle, die jetzt das Interview lesen, können sich vielleicht schon Gedanken machen und Projektideen sammeln, sodass wir nächstes Jahr loslegen können.

 

 

----------

Foto von Energieagentur Regio Freiburg

19